«20th Century Women» – Hymne auf die Frauen

KINO ⋅ In befreiter Erzählweise zeichnet Mike Mills in «20th Century Women» ein schillerndes und einfühlsames Porträt der späten 1970er-Jahre.
17. Mai 2017, 05:00

Walter Gasperi

kultur@luzernerzeitung.ch

Das späte homosexuelle Coming-out seines Vaters hat Mike Mills im Spielfilm «Beginners» (2010) verarbeitet. Nun setzt er mit «20th Century Women» seiner Mutter ein Denkmal. Im kalifornischen Santa Barbara des Jahres 1979 lässt er sein Generationenporträt spielen; zentraler Schauplatz ist das Haus, in dem die Mittfünfzigerin Dorothea (Annette Bening) seit ihrer Scheidung den 15-jährigen Jamie (Lucas Jade Zumann) allein erzieht.

Als Untermieter kommen die Mittzwanzigerin Abbie (Greta Gerwig), die soeben eine Therapie wegen Gebärmutterhalskrebs hinter sich hat, sowie der chaotische Mechaniker William (Billy Crudup) dazu. Komplettiert wird das Ensemble von der 17-jährigen Julie (Elle Fanning), die immer wieder bei Jamie übernachtet, aber keinen Sex mit ihm haben will. Weil Jamie der Mutter immer fremder wird, bittet Dorothea die beiden jüngeren Frauen, sich ihres Sohnes anzunehmen und ihn auf die Welt vorzubereiten.

Baustelle als Metapher für den Umbruch

Das renovierungsbedürftige Haus, an dem ständig irgendwo gebastelt wird, ist unübersehbar Metapher für die Baustelle, die das Leben für die Protagonisten darstellt. Keiner ruht wirklich in sich, alle sind unsicher, wissen nicht, wie es mit ihnen weitergehen soll. Verwundern kann diese Unsicherheit freilich nicht, denn auch die amerikanische Gesellschaft befindet sich in den späten 1970er-Jahren im Umbruch. Die Spannung zwischen gestern und heute bringt Mills, der zunächst Musikvideos für Moby, Yoko Ono und Air drehte, auch in der Musikmontage zum Ausdruck, wenn immer wieder sanfter Jazz auf Punk trifft.

Nicht viel entwickelt sich auf der Handlungsebene, doch wie in «Beginners» weitet Mills mittels wechselnder Kommentare und einer Fülle von Archivmaterial den Blick auf die US-Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen im 20. Jahrhundert. Da fasst Jamie kurz die Biografie der Mutter zusammen, die während der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs aufwuchs. Dorothea rekapituliert Jamies Kindheit vor dem Hintergrund von Vietnamkrieg und Hippie-Bewegung. Abbie wiederum macht Jamie nicht nur mit Feminismus und Frauenbewegung, sondern auch mit dem Punk bekannt.

Verspielt, facettenreich und voller Witz

Trotz dieser Fülle wirkt «20th Century Women» dank Mike Mills’ verspielter und wunderbar humorvoller Inszenierung nie überladen. Er erzählt nicht nur von der freien Gesellschaft der späten 1970er-Jahre, er hat ebenso sein Zeit- und Frauenporträt selbst von narrativen Fesseln befreit. Locker kann so auch einmal ein Ausblick in die zukünftige Welt mit Internet, Aids, Ende des Kalten Krieges und Klimawandel eingeschoben werden.

Verankert ist diese historisch-gesellschaftliche Ebene stets in der persönlichen Biografie und im privaten Leben der Protagonisten. Facettenreiche Charaktere mit Ecken und Kanten zeichnet Mills dabei, perfekt besetzt mit Annette Bening – die ihre Sprödheit und Unnahbarkeit zunehmend ablegt – sowie Greta Gerwig und Elle Fanning. Mal treten diese unabhängigen und starken Frauen selbstbewusst und entschlossen, dann wieder verletzlich und unsicher auf. Mike Mills’ Blick aber ist immer empathisch und so einfühlsam, dass einem die Figuren rasch ans Herz wachsen, man mit ihnen vertraut wird und mit dem Ende des Films ­quasi Freunde verlässt.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Video: 20th Century Women - Trailer

Drama von Mike Mills. Kinostart: Donnerstag, 18. Mai 2017. (youtube.com, 17.05.2017)




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