Pink singt wieder nach vierjähriger Babypause

ALBUM ⋅ Pink singt nach vierjähriger Kinderpause mit voller Kraft gegen das herrschende Politklima an, trifft Eminem und sehnt sich nach Barbiepuppen. Das Beste daran: ihre Stimme.
12. Oktober 2017, 20:58

Michael Gasser

Pink gehört zu den ganz grossen Künstlerinnen im Popgeschäft. Bis dato vermochte sie 23 ihrer Songs in den Top 40 der US-Charts zu platzieren. Trotzdem wird sie selten bis nie in einem Atemzug mit Genregrössen wie Britney Spears oder Christina Aguilera genannt. Nicht, weil die Musik der 38-Jährigen weniger Potenzial besässe, sondern wohl deshalb, weil ihr nicht ganz so viel Glamour anhaftet.

Dessen ist sich Pink nur zu bewusst. In einem kürzlich ver­öffentlichten Interview mit der «New York Times» sagte sie: «Wenn es darum geht, die schönste oder die beste Sängerin und Tänzerin zu sein, schwinge ich nie obenaus.» Dieser Zustand fühle sich nicht gut an. Auf den sozialen Medien hält sie mutig gegen den Perfektionswahn an und postet Bilder von sich und ihren beiden Kindern in alltäglichen und alles anderen als perfekten Situationen. Shitstorm deswegen inklusive. Wirklich Grund zum Klagen hat die US-Amerikanerin sowieso nicht. Schliesslich hat sie in den vergangenen 15 Jahren über 47 Millionen Alben verkauft und sich dabei den Ruf als musikalische Nonkonformistin erarbeitet, die mit Liedern wie etwa «Raise Your Glass» oder «Just Like Fire» des Öfteren ihr Selbstwertgefühl thematisiert.

Pink, bürgerlich: Alecia ­Moore, wuchs in Doylestown auf, einer Kleinstadt auf halbem Wege zwischen New York und Philadelphia. Ihren Bühnennamen – eine Anspielung auf Mr. Pink aus dem Tarantino-Streifen «Reservoir Dogs» (1992) – legte sie sich bereits als 14-Jährige zu. Damals beharrte sie darauf, die Tochter ihres Vorbildes Madonna zu sein. Was dazu führte, dass sie sich monatelang weigerte, mit ihrer wirklichen Mutter auch nur ein Wort zu wechseln. Rund vier Jahre später arbeitete der Teenager bereits am Solodébut «Can’t Take Me Home», das im Jahre 2000 erschien und erste Hits abwarf. Von den Kritikern wurde der Sound von Pink zunächst als Durchschnittspop abgetan. Nicht von ungefähr, denn frühe Singles wie «There You Go» wirkten bestenfalls wie blasse Kopien damals erfolgreicher Girlgroups wie Destiny’s Child. Nach und nach gelang es Pink jedoch, ihr musikalisches Profil zu schärfen und sich als Pop-Aussenseiterin zu positionieren. Auch, indem sie 2002 in ihrem Stück «Don’t Let Me Get Me» davon sang, wie ermüdend es sei, mit Britney ­Spears verglichen zu werden. In der Folge fokussierte Pink vermehrt auf ihre Konzertauftritte, insbesondere auf ihre akrobatischen Tanzeinlagen, die sie nach wie vor bevorzugt in luftiger Höhe absolviert.

Die mit einem Motocrossfahrer verheiratete Sängerin zeichnet sich vor allen Dingen durch ihre Stimme aus. Diese verfügt über Druck und Dynamik, hat viel Soul und ein raues Timbre. Was sich auch auf «Beautiful Trauma» widerspiegelt, Pinks aktueller Soloplatte. Mit dem Titel habe sie unterstreichen wollen, dass das Leben verdammt traumatisch, aber auch unglaublich schön ist, twitterte die zweifache Mutter vor wenigen Wochen. Die 13 Lieder präsentieren eine Musikerin, die sich auf keine Experimente einlässt, aber weiterhin an ihrer Kunst feilt und sich dabei nicht scheut, ihre Meinung kundzutun. «What About Us», die erste Singleauskopplung, wartet mit subtilem Dancebeat und sphärischen Synthesizern auf. Was überrascht, sind die Lyrics: Das emotional vorgetragene Stück scheint sich nur auf den ersten Blick um Beziehungsprobleme zu drehen, in Tat und Wahrheit wettert Pink gegen das vorherrschende Politklima in ihrer Heimat und gegen Präsident Trump.

Ihr Potenzial noch nicht ganz ausgelotet

Während sich der Titeltrack als bedächtig pumpende Hymne entpuppt, labt sich das nachfolgende «Revenge» am R ’n’ B und beinhaltet einen erstaunlich zutraulich klingenden Gastauftritt von Rapper Eminem. Als Highlights erweisen sich das melancholische «Barbie», in dem sich die Musikerin nach ihrer Kindheit zurücksehnt, und die abschliessende Piano-Ballade «You Get My Love», bei dem sie sich dem Jazz annähert und ihre ganze Stimmgewalt ausspielt.

Und was bleibt als Fazit? Mit ihrer siebten Studioplatte legt Pink einmal mehr dar, dass sie ein erstklassiges Gespür für Melodien besitzt und dass sie es versteht, für Spannung zu sorgen. Und gleichwohl kann man sich beim Hören von «Beautiful Trauma» nicht ganz des Gefühls erwehren, dass die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit nur phasenweise ausgeschöpft werden.


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