Christoph Simon: «Ich bin sehr erfolgsresistent»

KLEINKUNST ⋅ Der Berner Autor und Slam-Poet Christoph Simon (45) ist Preisträger des Salzburger Stiers 2018. Vor seinem Auftritt im Luzerner Kleintheater erklärt er uns, warum Siegen nicht auf seiner To-do-Liste steht.
30. November 2017, 08:56

Interview: Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Christoph Simon, im Internet tummeln sich allerlei Namensvetter von Ihnen. Etwa ein Coach, der auf Youtube erklärt, wie man reich wird. Wurden Sie mit dem schon mal verwechselt?

Nein, aber mit einem Musiker und Filmer aus Köln. Dessen Post lag schon in meinem Briefkasten, und auf der Bühne wurde ich schon als Filmkomponist aus Köln angekündigt. In Kanada gibt’s ausserdem einen Biomolekularforscher als Namensvetter. Der nimmt an internationalen Kongressen teil. Das wäre schön, mal für einen Biomolekularforscher gehalten zu werden ... (kommt ins Sinnieren)

Momentan touren Sie mit Gewinnern des Nachwuchswettbewerbs der Oltner Kabaretttage im Kollektiv «Die Sieger». Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Erfolgsseminar bei Christoph Simon aussehen würde. Eigentlich sind Sie mehr der Typ, der Paul Watzlawicks «Anleitung zum Unglücklichsein» beherzigt hat.

Ja, ich bin sehr erfolgsresistent. Meine Rolle in diesem Kollektiv ist die des Künstlers, der aus den Bergen kommt und weiss: Es gibt kein Gewinnen und Verlieren. Es geht nur ums Überleben.

Während die anderen zwischen Sieg und Niederlage pendeln, suchen Sie Gleichmut?

Ja. Ich suche nicht Erfolg, sondern Erfüllung. Nicht Anerkennung, sondern Alkohol. Die Erfolgsabhängigen sind, wenn sie keinen Erfolg haben, verbittert und wenn sie Erfolg haben, verdorben.

Jetzt, wo Sie den Salzburger Stier erhalten haben – die wichtigste Kabarettauszeichnung im deutschsprachigen Raum –, müsste Ihre Lebensphilosophie ernsthaft bedroht sein: Sie haben Erfolg.

Es war höchste Zeit, dass ich auch etwas gewinne, sonst hätte man mich bei den Siegern kaum noch geduldet! Nein, im Ernst: Es ist einfach nur schön, dass das mit der Bühne weitergehen darf. So ein Preis gibt einem die Hoffnung, auch in zwei Jahren noch gefragt zu sein. Das beruhigt, denn um dicke Romane zu schreiben wie früher, hätte ich weder die Motivation noch die Gedankenkraft.

Sie waren über vierzig, als Sie vom Romanschriftsteller zum Bühnenpoeten avancierten. Was ist passiert?

2012 war ich für ein Schreibstipendium in New York und kehrte von dort ohne Roman zurück. In Panik und um mir das Gefühl zu geben, produktiv zu sein, habe ich angefangen, auf Poetry-Slam-Bühnen aufzutreten. Der Gewinn der Schweizer Meisterschaften 2014 und 2015 sowie der Gewinn des Oltner Kabarettcastings führten mich schliesslich zu meinem ersten Abendprogramm.

Sie mögen keine mündlich geführten Interviews. «Ich schreibe, damit ich nicht reden muss», sagen Sie. Fürchten Sie Spontaneität?

Ich bin tatsächlich der nicht Spontane der Truppe. Der gut Vorbereitete, der an seinen Texten nichts mehr ändern möchte. Meine Bühnenkollegin Lisa Catena aktualisiert ihr Material noch während des Auftritts.

Bei den «Siegern» können drei andere Bühnenkünstler Sie aus dem Konzept bringen, Sie mit Spontaneinfällen herausfordern!

Wenn ich allein auf der Bühne stehe, habe ich alles unter Kontrolle. Ich weiss, wo ich bin, was ich mache, wo ich hingehe. Im Kollektiv aufzutreten, bedeutet insofern ein Stück weit Kontrollverlust. Für mich der Horror. Das Schöne daran ist aber die Erfahrung, dass die Welt nicht untergeht, wenn’s nicht nach Plan läuft. Dass man die Dinge immer retten kann. Man kann sie auch schlecht retten, klar. Aber die Show geht weiter. Das «Sieger»-Projekt ist für mich eine Möglichkeit, an meiner Teamfähigkeit zu arbeiten.

Siegertypen verraten ungern ihre Schwächen. Aber Sie sind auch kein normaler Siegertyp. Verraten Sie uns Ihre Team-Mankos?

Aus mir hätte ein toller Diktator werden können. Aber leider fehlt mir die Stärke, mich mit meinen Ideen durchzusetzen. Ich bin überzeugt, dass meine Ideen besser sind als die der anderen. Dass meine Ideen nur verlieren und kleiner werden, wenn andere mitreden. Ich habe in mehreren Bands gespielt und die Songs geschrieben. Aber die Songs wurden mir immer kaputtgemacht, weil der Schlagzeuger zu schnell spielte oder der Bassist andere Lines bevorzugte. Kurz gesagt: Ich bin zu genial für Teamarbeit.

Was hält die «Sieger» unter solch schwierigen Voraussetzungen zusammen?

Wir sind eine Selbsthilfegruppe aus vier Menschen, die auch deshalb selbstständig erwerbstätig sind, weil wir nicht teamfähig sind und weil wir uns selbst überschätzen. Jetzt können wir uns gegenseitig in unseren Überzeugungen stützen. Wenn du mit Menschen ausserhalb der Kulturszene über deine Zweifel und Misserfolge jammerst, sagt man dir: Dann mach halt was anderes! Wir in unserem Sieger-Selbsthilfegrüppchen verstehen unsere Gebrechen und Leiden.

Sie haben eine sehr kluge Strategie, mit dem Publikum umzugehen. Ein bisschen erinnert mich Ihr Vorgehen an Peter Handkes «Publikumsbeschimpfung».

Ja, aber ich hoffe, keine Publikumstumulte auszulösen! Ich könnte nicht damit umgehen, wenn jemand rufen würde: «Hey, pardon, ein bisschen freundlicher, bitte!» Da würde ich mich sofort entschuldigen und schliche von der Bühne.

In einem älteren Text formulieren Sie die Angst, die eigenen Freiheiten und Privilegien nicht zu nutzen. Haben Sie diese Angst überwunden, jetzt wo es so gut läuft?

Im Moment herrscht bei mir eher das Lebensgefühl: Warum muss man sich die ganze Zeit so abstrampeln? Wir gehen zwölf Jahre oder länger zur Schule und haben die sitzende Lebensweise perfektioniert. Wir haben den Imperativ der Leistungsgesellschaft so eingesaugt, dass wir glauben: «Ich gesunder, reicher, junger Mensch muss unbedingt etwas aus meinen Talenten machen.» Wieso denn? Wieso nicht einfach in den Himmel schauen?

Eine Bekannte, der ich erzählt habe, ich sei morgens spazieren gegangen, fragte mich einmal: Wozu?

Genau deshalb ist das Spazieren eine subversive Kulturtechnik. Sie ist zwecklos, ziellos. Aber das zielt noch nicht auf Ihre Frage, die auf Ihrem Zettel steht. «Wie entsteht Sinn?» Hmmm ...

Wollen Sie die jetzt beantworten? Autoren sind in Sinnfragen ja Experten.

Hätten Schriftsteller genug Geld, müssten sie sich die Frage nach Sinn nicht dauernd stellen.

Sind Autoren aus ökonomischen Gründen zur Sinnfrage verdammt?

Wenn ich mir Sinn nicht mit finanziellen Möglichkeiten erschaffen kann, muss ich mir den Reichtum der Welt anders aneignen. Da bleibt mir nur der Blick des Künstlers. Mit dem sieht man, sofern man ein offenes Herz hat, alles, was gratis zu haben ist. Das geht aber nicht ohne den Preis der Aufmerksamkeit.

Ihnen wird nachgesagt, dass Sie sich mit Skizzenbuch durch die Cafés und Bars bewegen. Lässt sich Kunst und Alltag bei Ihnen überhaupt noch trennen?

Das erinnert mich an ein Erlebnis, das ich beim Besuch der «Art Unlimited» in Basel hatte. Da stand ich minutenlang verständnislos vor so einem Aluminiumteil mit einer vertikal eingebauten Stange und suchte nach einem Schild, das mir das Werk erklären sollte. Bis mir endlich aufging, dass es sich um den Notausgang handelte.

Ist die bildende Kunst nicht so Ihr Ding?

Doch, ich habe mal als Museumsaufseher in der Basler Kunsthalle gearbeitet. Irgendein Künstler hatte Glaskugeln im ganzen Raum verteilt, die man nicht bewegen durfte. Ich sollte die Besucher davon abhalten, sie zu berühren. Das war aber so gegen meine spielerischen künstlerischen Prinzipien, dass es mich regelrecht wütend gemacht hat. Ich musste den Job künden.

 

Hinweis

Die Sieger. Mit: Christoph Simon, Dominik Muheim, Lisa Catena und Jan Rutishauser. Luzerner Kleintheater. Sa, 2. 12., 20 Uhr.

www.kleintheater.ch

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