Sängerin Charlotte Gainsbourg verarbeitet auf ihrem neuen Album das Thema Tod

FRANKREICH ⋅ Die Sängerin und Schauspielerin Charlotte Gainsbourg hat auf ihrem neuen Album den Tod ihrer Halbschwester verarbeitet. Sie vermisst noch immer ihren Vater und erzählt, dass sie keine Komfortzone habe.
15. November 2017, 07:32

Interview: Steffen Rüth

 

Sie wirkt beim Treffen im Büro ihrer Plattenfirma an Manhattans Times Square fragil und jugendlich mit ihrer zarten Gestalt und dem herb-ungeschminkten Gesicht. Sie trägt eine schlichte blaue Bluse und Jeans, doch dann schüttelt einem die 46-jährige Charlotte Gainsbourg die Hand und zeigt, wie viel Kraft sie hat. Mit ihrem neuen Album «Rest», dem ersten seit acht Jahren, verhält es sich umgekehrt. Die vom französischen Elektro-Musiker Sebastian Akchoté produzierten Stücke sind vordergründig funky und clubtauglich, aber die – erstmals von Charlotte selbst geschriebenen – Texte blicken sehr tief ins Innere und verarbeiten die grossen Dramen ihres Lebens.

Charlotte Gainsbourg, warum treffen wir uns in New York und nicht in Paris?

Ich lebe jetzt hier. Seit gut drei Jahren. Als meine Schwester gestorben war, musste ich Paris verlassen. Ich hielt es dort nicht aus. Ich war depressiv.

Ihre Halbschwester Kate Barry kam Ende 2013 in Paris beim Sturz aus dem Fenster ihrer Wohnung ums Leben.

Wie soll man mit so etwas Furchtbarem umgehen? Wir entschieden uns dafür, als Familie zu versuchen, ein neues Leben in einer neuen Umgebung zu beginnen.

Waren alle dafür?

Meine kleine Tochter war zweieinhalb, als wir herkamen, sie hat zunächst nicht verstanden, wa­rum wir weg sind. Sie fremdelt eigentlich immer noch. Jo ist viel glücklicher, wenn wir in Paris sind. Alice ist 15 und findet es super. New York ist genau ihr Ding. Und unser Sohn Ben ist nicht mitgekommen. Er ist 20, lebt in England und findet dort gerade heraus, was er mit seinem Leben so anfangen will.

Hören Ihre Kinder die Musik ihrer Mutter?

Nein, und wenn, dann habe ich es nicht mitbekommen. Aber was sie sich permanent anhören, sind die Lieder von Oma (Jane Birkin) und Opa (Serge Gainsbourg).

Sie haben hingegen immer gesagt, Sie hätten die Songs Ihres Vaters gemieden.

Bis 19 hörte ich nichts anderes als seine Chansons. Das änderte sich abrupt, als er starb. Bis heute ist es zu schmerzhaft für mich, seiner Stimme zuzuhören. Der Tod meines Vaters war für mich sogar gleichbedeutend mit dem Tod von Musik als solcher. Höchstens Klassik ertrug ich noch, aber nichts mehr mit Stimmen.

Was erzählen Sie Ihren Kindern über Ihren Vater Serge, der 1991 an einem Herzinfarkt starb?

Alles, was sie wissen wollen. Mich macht es glücklich, wenn die Kinder neugierig sind und mir Fragen stellen. Als Alice noch klein war, habe ich heimlich seine Lieder in ihren iPod geschmuggelt und geguckt, wie sie reagiert. Und sie sang mit! Jo hingegen hört am allerliebsten die Songs meiner Mutter, das ist total süss. Und Ben berührt das Werk seiner Grosseltern auch, am liebsten mag er die Lieder, in denen es um Drogen geht (lacht). Na ja, er war ein wilder Junge, aber er wird ­gerade vernünftiger.

Wie wild waren Sie selbst? Sie sind mit Ihren extrovertierten «Je t’aime»-Eltern ja quasi in der Öffentlichkeit gross geworden.

Wir waren eine Familie, die den Franzosen gehörte. Wir wurden immerzu fotografiert und beobachtet, das war normal für uns. Und trotzdem hatten wir ein Leben wie andere Kinder auch, wir gingen normal zur Schule, verbrachten unsere Ferien in einem Haus auf dem Land, das meiner Mutter gehörte. Meine Eltern hatten einen sehr einfachen, bescheidenen Geschmack, dieses «Bling-Bling-Leben», wie man es heute bei Prominenten sieht, das gab es für uns als Familie nicht. Wir Kinder bekamen allerdings mit, dass die beiden, wenn sie allein ausgingen oder mit Freunden feierten, ziemlich auf die Kacke hauten.

Haben Sie selbst schon viele Freunde in New York gefunden?

Ach, eigentlich nicht. Wir haben uns hier so etwas wie einen Kokon gesponnen. Wir brauchen viel Zeit für uns. In erster Linie versuche ich, eine Mutter und Ehefrau zu sein und mich aufs Alltagsleben zu fokussieren. Meine Kontakte beschränken sich auf einige Schauspielerinnen und die Mütter von der Schule.

Auf Ihrem neuen Album «Rest» haben Sie mit dem französischen Elektro­Musiker Sebastian Akchoté zusammengearbeitet. Wie ging das vonstatten?

Meine Plattenfirma schlug ihn vor. Erst war er wirklich merkwürdig. Er kam zu mir nach Paris, war sturzbesoffen und total unverschämt. Später trafen wir uns wieder, da war er präziser, aber auch nicht nüchtern. Dann verlor ich meine Schwester, alles lag auf Eis, trotzdem arbeitete er weiter an der Musik. Ein Jahr später besuchte mich Sebastian in New York und war ein anderer Mensch. Er hatte sich gegen den Alkohol entschieden und rauchte nur noch zehn Packungen Zigaretten am Tag.

In «Lying With You» singen Sie über den Tod Ihres Vaters.

Ja. Der Song ist aber vor allem eine Liebeserklärung an ihn, auch wenn er harsch wirkt. Ich wollte exakt beschreiben, was passierte, als er starb. Ich fand ihn tot im Bett und legte mich neben ihn, neben meinen toten Vater.

Auf «I’m a Lie» hören Sie sich fröhlich und unbeschwert an. Ist der Song der glücklichste auf «Rest»?

Ich denke schon. Ich spreche in dem Text über mich selbst und speziell darüber, wie ich mich in meiner eigenen Unbehaglichkeit einrichte und wohlfühle.

Sie fühlen sich wohl, wenn Sie sich unwohl fühlen?

Verrückt, oder? (lacht) Als Jugendliche war es noch viel heftiger. Aber bis heute muss ich mit diesem Gefühl zurechtkommen, dass ich das, was andere Leute als ihre Komfortzone beschreiben, einfach nicht habe. Sie existiert für mich nicht, und das finde ich positiv.


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