Autor Erwin Koch: «Ich komme, wenn es schon passiert ist»

SCHREIBEN ⋅ Erwin Koch (60) leuchtet in menschliche Abgründe. Eine Handvoll seiner Reportagen wird jetzt am Luzerner Theater inszeniert. Im Alltag ist der Hitzkircher Journalist und Schriftsteller am liebsten am Holzfräsen.
01. Oktober 2017, 09:59

Interview: Pirmin Bossart

piazza@luzernerzeitung.ch

Erwin Koch, im Luzerner Theater werden ab 6. Oktober «Zentralschweizer Reportagen» von Ihnen auf die Bühne gebracht. Was erwartet die Besucher?

Das weiss ich selber nicht! Übermorgen werde ich erstmals eine Probe besuchen. Es drängte mich nicht, Einfluss zu nehmen. Ich habe Vertrauen. Theater ist ein anderes Metier, zu dem ich sonst wenig Bezug habe und vom dem ich auch nichts verstehe. Ich fühle mich zuallererst geehrt, dass ein junges Team inspiriert ist, meinen Stoff aufzunehmen und daraus in seinem Sinne etwas zu machen.

Welchen Stoff bearbeitet denn das Luzerner Theater?

Die frühere Dramaturgin Regula Schröter bat mich vor zwei Jahren um Texte, die mit der Zentralschweiz zu tun haben. Ich habe 20 geschickt. Fünf von ihnen wurden ausgewählt, massiv gekürzt, ineinander verwoben und szenisch aufbereitet. Drei Schauspieler werden sich diese Geschichten erzählen.

Sie haben einen Doktortitel der Jurisprudenz. Aber statt Anwalt oder Richter sind Sie ein bekannter Reportagenschreiber geworden. Wie kam das?

Als Jugendlicher bewarb ich mich an der Filmschule in München. Da nichts daraus wurde, begann ich ohne grosse Begeisterung Jus zu studieren. Um das Studentenleben zu verlängern, habe ich auch noch eine Dissertation geschrieben, zum Thema «Eidgenössische Filmförderung». So lernte ich den damaligen Filmkritiker des «Tages-Anzeigers» kennen, der in der Filmförderung tätig war und ein kleines Pensum beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers» hatte. Dank ihm kam ich zu meinem ersten journalistischen Auftrag.

Zu welchem Thema?

Ich sollte eine Reportage über den ­Kanton Jura und seine Kulturförderung schreiben. Der neu gegründete Kanton hatte die fortschrittlichste Verfassung, aber war wirtschaftlich sehr schwach. Wie sollte das gehen? Dummerweise habe ich vorher nie das «Magazin» angeschaut, um zu sehen, wie man so etwas macht. Ich lieferte dann eher eine durchstrukturierte Seminararbeit ab als eine lebendige Reportage. Also unbrauchbar. Ich erhielt aber dann nochmals eine Chance.

Wie ging es weiter?

Ich brachte eigene Vorschläge für Reportagen ein. Etwa über die katholischen Internate in der Zentralschweiz oder den Gespensterglauben im Entlebuch. Der damalige Redaktor Balz Theus hatte thematisch die gleiche Wellenlänge. Das hat mir geholfen. Bald bekam ich Aufträge. Der erste war eine Geschichte über die Zürcher Zünfte. Sie war dem damaligen Verlagsleiter Hans Heinrich Coninx zu brisant und wurden von ihm abgelehnt. Als kleinen Racheakt reichte die Redaktion des «Magazins» den Text der «Weltwoche» weiter, die ihn druckte.

Was würden Sie als den Kern ihrer Themen bezeichnen?

In den Anfängen waren das vor allem Geschichten, die vom ethnologischen Blick der Neugier geprägt waren. Heute stehen existenzielle Themen im Vordergrund. Liebe, Sehnsucht, Verrat, Krankheit, Leiden, Tod. Mich interessieren viel stärker individuelle, psychische Abläufe und Katastrophen als gesellschaftspolitische Ereignisse. Man könnte auch sagen: Ich schreibe Geschichten, die ich selber nicht erleben möchte.

Wie stossen Sie auf Ihre oft unglaublichen Stoffe?

Häufig sind es kleine Agenturmeldungen, die in der Zeitung stehen, auch Gerichtsurteile sind eine Fundgrube. Ich habe einen Riecher entwickelt, in welchen Meldungen sich Abgründe öffnen könnten.

Wann springt Sie etwas an, was müssen Sie spüren?

Wenn ein Bruch da ist, eine Lebensgeschichte nicht aufgeht. Wenn sich etwas entwickelt, was die Protagonisten nie so wollten. Letztlich geht es um das Scheitern der menschlichen Existenz.

Erfolgreiche Existenzen sind weniger interessant für Sie?

Ich glaube, dass Leute, die in der Gesellschaft oder in einem Unternehmen erfolgreich sind, so viele Instrumente oder schlagfertig genormte Antworten zur Verfügung haben, dass man sie in ihrem wirklichen Wesen gar nicht packen kann. Sie sind nicht mehr fähig, eigenes Scheitern zuzugeben. Es ist dann immer alles eine «Herausforderung».

Erinnern Sie sich an einen solchen, eher mühseligen Auftrag?

Ich musste mal Bundesrat Otto Stich porträtieren. Ich habe mit 17 Personen aus seinem Umfeld gesprochen, um überhaupt den Ansatz für einen Stoff zu finden. Am Ende sass ich in seinem Büro, neben mir der Pressesprecher. So kommt man nicht an den Menschen heran. Solches möchte ich nicht mehr machen.

Sie haben für renommierte Magazine und Zeitungen gearbeitet. Waren Sie einfach so gut, dass man sie unbedingt wollte?

Während meiner Zeit als Redaktor beim «Magazin» bin ich jeweils von Hitzkirch nach Zürich gependelt. Das wurde mir nach sechs Jahren zu mühsam. Wir lebten in einem einfachen Holzhaus, unsere Tochter Nina kam zur Welt, ich wollte es anders organisieren. Ich schrieb fortan zu Hause und bekam ein Fixum in der Höhe eines halben Monatslohnes. Weil das nicht reichte und ich zum Schreiben ein Konkurrenzverbot in der ganzen Schweiz hatte, sah ich mich gezwungen, nach Deutschland und Österreich auszuweichen, um Texte zu publizieren.

1999 bis 2002 waren Sie Reporter beim «Spiegel». Wie blicken Sie auf diese Erfahrung zurück?

Es waren vor allem wirtschaftlich goldene Zeiten. Ich arbeitete für das Monatsmagazin «Spiegel Reporter». Für die Rubrik «Am Ende der Welt» konnte ich irgendwohin auf der Welt reisen. Ich flog an das südlichste Ende von Patagonien und landete in einem Kaff, wo einmal pro Monat ein Schiff vorbeikam. Da war auch ein Kleiderhändler an Bord. Am nächsten Tag trugen alle Leute den gleichen Trainer.

Nach drei Jahren wechselten Sie wieder zum «Magazin».

Der «Spiegel Reporter» hat nicht rentiert und wurde eingestellt. Anschliessend wurden wir dem Ressort Gesellschaft des «Spiegels» zugeteilt. Mit «Nine Eleven» kam ein anderes Tempo auf. Ich bin nicht der rasende Reporter. Als das Angebot vom Magazin auf dem Tisch lag, war das gerade passend.

Was fehlt Ihnen zum rasenden Reporter?

Ich bin zu träge, brauche eine lange Anlaufzeit. Ich kann und will nicht Hals über Kopf am nächsten Tag irgendwohin fliegen, um darüber zu berichten. Das ist für mich ein Horror. Ich bin eher einer, der kommt, wenn es schon passiert ist.

Sie sind für Ihre Reportagen immer wieder um die halbe Welt gereist. Hat Ihnen das nie Mühe gemacht?

Nein. Es sind gezielte Reisen, bei denen ich einen begrenzten Personenkreis und bestimmte Schauplätze aufsuche. Im Voraus will ich möglichst viel zum Thema in Erfahrung bringen. Früher bekam ich von der Redaktion respektive deren Archiv jeweils bündelweise Unterlagen. Heute hilft das Internet. Oft suche ich Leute oder geeignete Begleiter, die mir die Kontakte organisieren und auch als Übersetzer behilflich sind.

Wenn die Materialien gesammelt, die Personen aufgesucht und die Interviews geführt sind, setzen Sie sich eines Tages hin und beginnen. Was ist das für ein Moment?

Der Schreibprozess beginnt, wenn ich finde, dass es nun reicht mit dem Recherchieren. Es ist ja nie fertig, ich muss mir immer Fristen setzen. Übermorgen, sage ich mir, und dann beginne ich. Ein beschissener Moment.

Haben Sie ein bestimmtes Ritual?

Am Abend vorher überlege ich mir, zu welchem Zeitpunkt oder mit welchem Ereignis ich mit der Geschichte einsetze. Ich suche noch keine Wörter und keinen ersten Satz. Am folgenden Morgen um 4 Uhr setze ich mich mit einer Tasse Kaffee an den Laptop. Dann arbeite ich bis 11 oder 12 Uhr. Ich verbiete es mir, den Kühlschrank zu plündern, wenn es nicht läuft, oder draussen eine Runde zu drehen. Ich bleibe sitzen.

Wie wichtig ist der erste Satz?

Ich beginne erst mit dem zweiten Satz, wenn ich das Gefühl habe, dass der erste taugt. So gehe ich vorwärts. Andere beginnen zu schreiben und entscheiden erst später, wo sie diesen Abschnitt platzieren. Ich kann nicht weiterschreiben, wenn der Anfang für mich nicht stimmt. Es gibt auch Tage, wo es nicht läuft. Dann bleibe ich trotzdem sitzen. Es ist eine gewisse Hartnäckigkeit.

Was hält Sie an den sogenannt authentischen Geschichten, an Stoffen, die wirklich so passiert sind?

Letztlich ist es mangelndes Vertrauen in meine Fähigkeit, eine erfundene Geschichte wirklich glaubwürdig erzählen zu können. Meine ersten zwei Romane basieren auf Reportagen, die zuvor erschienen sind. Aber die Geschichten des Alltags sind ja oft so unglaublich, dass ich mich lieber an der sogenannten Realität halte als an der Fiktion. Warum sollte ich in die Fiktion ausweichen, wenn es solche Geschichten gibt?

Trotzdem haben Sie auch Romane geschrieben.

Zwar habe ich ein Sicherheitsnetz, aber ich erlebe diese Ausflüge in die Fiktion als sehr befreiend. Bei Reportagen wüsste ich oft gerne noch Details, an die sich die Befragten aber nicht mehr erinnern. In der Fiktion kann ich sie schamlos schreiben und Personen Handlungen ausführen lassen, wie ich es in Reportage nicht darf.

Gerne arbeiten sie mit präzisen Daten, inklusive Uhrzeit. Woher kommt dieses Detail?

Es begann mit der Reportage, die ich über den Wolf in Solothurn geschrieben habe. Der Jagdverwalter musste mir die Bestätigung faxen, dass der Wolf erschossen wurde. Auf dem Fax stand die Uhrzeit. Das hat sich mir irgendwie eingebrannt.

Auch die unbedingte Verknappung gehört zu ihren literarischen Mitteln. Haben Sie ein Beispiel?

Wenn ich über Sarah und ihre Leukämie schreibe und schildern will, dass schon wieder eine neue Chemotherapie beginnt, schreibe ich nicht: «... und wieder beginnt eine neue Chemotherapie», sondern zähle einfach drei Medikamente auf. Das reicht. Man darf mal einen Schritt auslassen, Sachen unterschlagen. Das Reduzieren auf das Wesentliche eröffnet dem Leser die Möglichkeit, sich eigene Bilder zu schaffen.

Journalismus oder Literatur, ist Ihnen die Unterscheidung wichtig?

Das sind Begriffe. Ich kümmere mich nicht darum, ich schreibe einfach. Peter von Matt hat einmal gesagt: Auch Leserbriefe können Literatur sein.

Welche Ansprüche stellen Sie an Ihre Texte: Was muss sein?

Nach Möglichkeit kein Wort zu viel.

Haben Sie mit Ihrer Erfahrung einen guten Rat an junge Journalisten?

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sich etwas zutrauen. Ich habe immer gerne mit der Form experimentiert. Es ist ein Gestaltungswille da. Einmal habe ich mit einem Interview begonnen, das sukzessive in eine Erzählung mündete. Oder ich lasse in bestimmten Zitaten Anführungs- und Schlusszeichen weg, um vorübergehend Verwirrung zu stiften.

Wie regelmässig lesen Sie Zeitungen, Zeitschriften, Bücher?

Ich lese täglich NZZ, «Tages-Anzeiger», «Luzerner Zeitung». Relativ genau. Der Radar, um auf bestimmte Themen zu stossen, ist eingestellt. Sonst lese ich wenig. Auch Bücher ziehen mich ganz selten rein. Ich schmeisse auch Bücher weg, wenn sie mir nicht gefallen.

Was missfällt ihnen, wenn Sie ­Bücher lesen?

Das penetrante Erklären habe ich nicht so gerne. Das Platte. Ich mag, wenn ich etwas nicht gleich von der ersten Sekunde an verstehe. Ich liebe das Rätselhafte. Mit wem redet die Person jetzt? Das nicht eindeutig Zugeordnete. Ich habe nur ein gutes Dutzend Bücher, die mir wichtig sind. Dazu gehören «Der Name der Rose» von Umberto Eco, «Der Mensch erscheint im Holozän» von Max Frisch, «Schlaflos» von Jan Fosse oder «Pedro Páramo» von Juan Rulfo.

Wie nutzen Sie die Social Media?

Gar nicht. Ich habe ein antiquiertes Handy, das man heute wohl teuer verkaufen könnte. Facebook & Co. interessieren mich nicht. Ich drucke auch den Fahrplan noch aus, mit Varianten. Ich hoffe, dass ich dem Smartphone lange widerstehen kann. Ich schütze mich davor. Ich möchte mich nicht auch noch mit diesen Möglichkeiten beschäftigen müssen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben?

Ich arbeite gerne mit den Händen. Manchmal denke ich, dass es nicht so gut war, das Gymi zu besuchen und zu studieren. Vielleicht wäre ich besser ein Schreiner geworden. Oder ein Geigenbauer. Ich habe das Glück, dass mein Vater, als er 1963 dieses Haus baute, 400 Quadratmeter Land dazugekauft hat. Wir haben einen grossen Garten. Kirschen-, Zwetschgen- und Apfelbäume. Den Schopf habe ich selber gebaut. Ich schneide Sträucher, häcksle und kompostiere. Einmal im Jahr gehe ich zu einem Bauern, um Holz zu fräsen. Für mich der schönste Tag des Jahres.

Wie geht das vor sich?

Ich zünde mir einen Rösslistumpen an, so eine Art Nuggi. Links drei Ster Buchiges, in der Mitte die Fräse, rechts der Wagen, auf den ich die Scheite werfe. Ich bin wahrscheinlich nie zufriedener als an diesem Tag. Gut möglich, dass ich langsam am Versimpeln bin. Ich habe meine Rituale. Am späten Nachmittag gehe ich mit einer kleinen Schaufel in den Garten, e Stompe i de Schnörre, irgendwo ein Glas Rosé im Schopf, und picke auf, was die Hunde geschissen haben. Das macht mich total zufrieden. Jetzt beginnt dann wieder das Lauben, darauf freue ich mich.

Das Handwerkliche prägt doch auch Ihr Schreiben?

Ja. Es ist wie das Abhobeln. Was lässt du stehen, was fällt weg?

Sie sind in Hitzkirch aufgewachsen und leben mit Unterbrüchen in jüngeren Jahren seit 1983 wieder in Hitzkirch. Was hält Sie im Seetal?

Es ist wohl die Landschaft, die Nähe zum Wald, wo man keinem begegnet, wenn man keinem begegnen will. Und die gute Wohnsituation, mit Wiesen, dahinter Rigi und Pilatus.

Wie sind Sie mit dem Kulturbetrieb verbunden? Besuchen Sie Kulturveranstaltungen? Konzerte? Theater?

Zum Theater habe ich wenig Beziehung. Ab und zu gehe ich ins Kino nach Luzern. Hollywood mag ich nicht. Ich bevorzuge Kaurismäki oder andere Nordländer wie Lars Trier. Sie haben Charaktere, die am Rande stehen, skurrile Figuren, liebenswert, vom Leben gezeichnet, dem Scheitern und dem Himmel näher als dem faulen Zauber.

Was bedeutet Ihnen Musik?

Je älter ich werde, desto mehr gefällt mir klassische Musik. Sie beruhigt mich. Ich habe aufgehört, Musik zu kaufen. Es ist mangelndes Interesse, ich bin stehen geblieben bei «Graceland» von Paul Simon und Mark Knopfler, dann hat es langsam aufgehört. Die letzte CD, die ich kaufte, war «Back to Black» von Amy Winehouse.

Was machen Sie am Abend? Schauen Sie Fernsehen?

Kaum. Ich schaue sehr wenig und praktisch nur Informationssendungen. Ich liege auf dem Sofa und kraule meinen Hund, der neben mir am Boden liegt.

Hinweis

«Die schwarze Null», Zentralschweizer Reportagen von Erwin Koch. Premiere am 6. Oktober. Mehr dazu und weitere Daten: www.luzernertheater.ch

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