Ich liebe dich, ich liebe dich nicht

KINO ⋅ Mit «Cuori puri» ist dem italienischen Regisseur und Drehbuch-Co-Autor Roberto De Paolis ein sehenswertes Filmdébut gelungen: eine heftige und ungestüme Liebesgeschichte.
12. April 2018, 08:11

«Cuori puri», der Erstling von Roberto De Paolis, erzählt die alte Geschichte «braves Mädchen trifft bösen Buben» als energiegeladenes Beziehungsdrama und taucht tief in soziale Realitäten des heutigen Italien ein.

Die Idee der «Reinheit», der «reinen Herzen», ist als religiöse Vorstellung sowohl im Islam als auch im Christentum verankert. In beiden Religionen spielt dabei die Jungfräulichkeit eine zentrale Rolle. Während fanatische Anhänger des Islams furchtbare Verbrechen an jungen Frauen begehen, die gegen das Gebot der Jungfräulichkeit verstossen, geht dabei oft vergessen, dass es das (katholische) Christentum war, das die seltsame Idee der jungfräulichen Geburt zum Dogma erhob. Und dass vor noch nicht allzu langer Zeit auch im christlichen Kulturkreis Gewalttaten an Frauen im Zusammenhang mit ihrer Jungfräulichkeit verbreitet waren.

Ein prekäres Keuschheitsgelübde

Nicht physische Gewalt, aber doch sehr starken Druck übt Marta, die Mutter der 17-jährigen Agnese, auf ihre Tochter aus, als sie ihr ein bis zur Ehe geltendes Keuschheitsgelübde abfordert. Dabei wird schon nach der fulminanten Eröffnungsszene von «Cuori puri» klar, dass Agnese – hervorragend verkörpert von der 24-jährigen Sizilianerin Selene Caramazza in ihrem Kinodebüt – mit dieser «Reinheit» ihre Mühe hat. Stellt sich doch heraus, dass ein Handydiebstahl im Shopping-Center nur deshalb geschah, weil ihr die Mutter das alte Handy ­wegen Austauschs «unangebrachter» Nachrichten weggenommen hatte. Sie wird vom Parkplatzwächter Stefano (Simone Liberati )gestellt, einem auf den ersten Blick rohen Kerl. Doch bald merkt man, dass auch er ­seine sensible Seite, ein «reines Herz» hat. Denn Stefano ist einer, der nichts anderes will als einen Ort auf der Welt und ein normales Leben mit Partnerin, Arbeit und Wohnung.

Ein symbolhafter Unort in einer tristen Vorstadt

Der verwahrloste Parkplatz vor einem Shopping-Center einer tristen Vorstadt, wo Stefano seinen prekären Job ausübt, steht dabei als symbolhafter Ort. Als einer, wo er sich vergeblich bemüht, irgendwie Anschluss zu finden an dieses von ihm ersehnte normale Leben. Denn der umzäunte Platz, wo zwielichtige Gestalten ein und aus gehen und der an ein Roma-Lager grenzt, ist ein Unort, ein Etwas, wo Konsumwelt und Welt der Ausgesperrten direkt aufeinanderprallen. Ein derartiges Universum hatte vor über einem halben Jahrhundert auch schon Pier Paolo Pasolini in seinen ersten Spielfilmen grossartig vermittelt. Und ähnlich wie der 1975 ermordete Ausnahmeregisseur ist auch der 1980 geborene Jungregisseur Roberto De Paolis einer, der ­Ambivalenzen gegenüber christlicher Dogmatik filmisch faszinierend zu vermitteln versteht.

Geri Krebs

Hinweis

«Cuori puri» läuft ab heute im Kino Stattkino Luzern.


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