Im Grenzbereich von Körper und Raum

LUZERNER THEATER ⋅ Mit «Tanz 25: Variationen des Seins» wurde am Freitag die Tanzsaison eröffnet. 13 Individuen offenbarten sich in der Uraufführung von Georg Reischl. Die Besucher reagierten ebenso berührt wie begeistert.
17. September 2017, 08:56

Edith Arnold (SDA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Auf einmal sitzt einem die Tänzerin gegenüber. Hinschauen? Direkt in die Augen? Jetzt reagiert auch sie. Noch tiefer in den kaum einen Meter entfernten Körper blicken? Gibt es Grenzen? Wie weit mögen Seelen reichen? Verwunderte Augenblicke spielen sich ab – auch nebenan.

13 Mitglieder des Ensembles nehmen mit 150 Zuschauerinnen und Zuschauern zu Beginn Kontakt auf. Dabei ist bereits die Location privat: die «Box» zwischen dem Luzerner Theater und der Jesuitenkirche. Neun mal zwölf Meter misst die weisse Tanzfläche. Darum herum haben zwei Stuhlreihen Platz. 80 LED-Panels durchleuchten von der Decke jedes Detail. Doch es gibt nichts zu verstecken, nur zu entdecken.

Akustische Pirouetten mit simplen Stühlen

Zu all den «Variationen des Seins», die sich hier gegenüberstehen, verführt die sphärische Komposition von Vincent Glanzmann. Über Boxen in den Ecken hüllt sie die Anwesenden ein. Zwischendurch rufen auch eindringliche Töne die Tänzerinnen und Tänzer zusammen: Nach der «Initialzündung» positionieren sie ihre Stühle in einer Linie, aus der sie wieder herausrücken.

Mit simplen Stühlen bilden die Tanzenden akustische Pirouetten, grössere und kleinere Kreise. Überhaupt formieren sich immer individuellere Variationen. Ein paar Leute entwickeln eine eigene Szene durch synchrone Kampfkunst-Bewegungen: Sie entfalten ihre Oberkörper messerscharf und spannungsvoll. Im vollkommenen Einklang mit dem Sound zieht derweil Carlos Kerr Jr. ein akrobatisch-elastisches Solo durch. Weitere Bewegungen scheinen durch Yoga inspiriert.

Welche Variation des Seins möchtest du sein? «Mache eine Entscheidung, deal with it and be true to yourself!», animierte Georg Reischl das Ensemble bei Probebeginn. Dann schickte der österreichische Choreograf die Tänzerinnen und Tänzer in Läden, um ein persönliches Kostüm zu kaufen. Bei aller Freiheit sind, abgesehen von Variationen an bunten Socken, eher austauschbare Kleider zusammengekommen. Doch die 13 Tänzerinnen und Tänzer werden auch so individuell wahrgenommen. In einer Szene schreitet ein heterogener Trupp auf die Zuschauer zu: Unterschiedlichste Charaktere und Nationalitäten erscheinen stimmig auf einer Linie.

Bei «Tanz 22: Up/Beat» vor einem Jahr hat man das Ensem­ble von oben gesehen. Das zum «Globe» umfunktionierte Luzerner Theater bot reine Vogelperspektive. Bereits bei diesem Stück arbeiteten Georg Reischl und Vincent Glanzmann zusammen. Diesmal spielt der in Tokio geborene Schweizer Perkussionist und Komponist aber nicht live mit. Obwohl seine geisterhaften Rufe wie echt durch die «Box» spuken.

Vincent Glanzmann hat sich dazu an den «Canti del Capricorno» von Giacinto Scelsi inspiriert. Ausgerechnet oder gerade jener Italiener, der von sich behauptete, er sei kein Komponist, sondern ein Medium. Für ihn sei der einzelne Ton wichtig, sagt der junge Glanzmann. Er gehe in einen Ton hinein und könne daraus eine Perspektive entwickeln. Das gibt dem Stück etwas Hypnotisches, Trance-artiges.

Zuckende Körper symbolisieren Ruhelosigkeit

Die Tänzer beginnen, mit den Händen zu flattern – oder winken sie bereits Marco Goecke zu? Im Frühjahr kommt der deutsche Choreograf nach Luzern. Wie Reischl entwickelte auch er Stücke fürs Scapino Ballet Rotterdam. Mit zuckenden Körpern, die eine ruhelose Gesellschaft symbolisieren, wurde er bekannt. Doch Reischls Flattern ist mehr ein Wabern, wie er sagt. Vier Minuten lässt er die Hände der Tänzer vibrieren. «Wo endet der Körper, wo beginnt der Raum?», regt er an. Durch die eigenartigen Bewegungen justieren sich Körper in veränderter Umgebung neu. So können sie aus ihren Positionen Raum und Zeit mitgestalten.

Nach einer Stunde ist das eindringliche Stück zu Ende. Gerade weil es sich so ungekünstelt durch ein kunstvolles Tanzensemble ereignet hat, wirkt es nach. Raus aus der Box und hinein in neue Variationen des Seins? Den bröckelnden Realitäten oder unbekannten Terrains künftig mit Wabern begegnen? Tanz gehe über das Körperliche hinaus und habe etwas Göttliches, das man nicht immer genau erklären könne, sagt Georg Reischl, bevor er an die Premierenfeier verrauscht.

Hinweis

«Tanz 25: Variationen des Seins», in der Box des Luzerner Theaters. Aufführungen: 17. September (15 Uhr), 20., 21., 23., 27., 28. September (20 Uhr), 1./ 8. Oktober (15 Uhr) und 17., 18., 19. Oktober (20 Uhr).


Leserkommentare

Anzeige: