In den Abgründen der menschlichen Psyche

LITERATUR ⋅ Gleich zweimal kommt ideale Sommerlektüre aus England. Geboten werden zugleich unterhaltsame und anspruchsvolle Storys mit gekonnt erzeugter Spannung.
19. Juni 2017, 04:37

Arno Renggli
arno.renggli@luzernerzeitung.ch

Liest man im Klappentext eines Thrillers von einem Serienkiller, der seine Opfer auf möglichst bizarr-grausame Art drapiert, ist Vorsicht geboten. Oft bedeutet es, dass dem Autor keine wirklich gute Story eingefallen ist und er dies mit reisserischer Leichenfledderei kaschieren will. Autor Daniel Cole setzt in seinem Erstling «Ragdoll» noch einen drauf: Die gefundene Leiche ist aus sechs verschiedenen Opfern zusammengesetzt, wow!

Was dann doch neugierig macht, ist der 33-jährige Autor selber, der Sanitäter und dem Vernehmen nach zudem ein Faulpelz ist, der am liebsten in seiner Heimat Bournemouth am Strand liegt. Und doch hat er einen fast 500-seitigen Wälzer geschafft, der auch noch ohne ein anderes Indiz für schlechte Krimis auskommt: ellenlange Dialoge. So fängt man dann doch an zu lesen, realisiert sofort die erzählerische und sprachliche Qualität und ist flugs im Sog der Story drin.

Eine Liste mit angekündigten Morden

Doch zurück zum Leichenpuzzle: Fahnder Fawkes, «Wolf» genannt, findet bald heraus, dass das Ganze mit einem früheren Fall zu tun hat, der ihn einst selber in die Klapse und fast um die Karriere gebracht hat. Damals war ein von ihm gefasster Mädchenmörder freigesprochen worden und «Wolf» durchgedreht. Als wäre dies nicht genug, taucht eine Liste auf mit weiteren Personen, die getötet werden sollen. Darauf steht auch «Wolfs» Name.

Nun gilt es also nicht nur herauszufinden, von wem die Leichenteile sind, sondern auch die künftigen Opfer zu schützen. Was Mal für Mal nicht wirklich gelingt, denn der Mörder ist ausserordentlich einfallsreich.

Sicher gab es schon realistischere Krimihandlungen. Aber spannend ist es die ganze Zeit, mit interessanten Charakteren, zu denen auch eine toughe Polizeikollegin von «Wolf» sowie ein nerdiger, cleverer Teamfrischling gehören. Und dieser ahnt irgendwann, dass «Wolf» noch mehr in die Sache verwickelt ist, als man ohnehin weiss. Was dann in eine schockierende Erkenntnis und ein fulminantes Finale mündet.

Virtuoses Spiel mit zwei Zeitebenen

Unser zweiter Tipp aus England betrifft Steve Mosby, auch erst 40-jährig, aber im Gegensatz zu Daniel Cole schon ein gestandener Autor. Mit «Der 50/50-Killer» hat er sich einen Namen für recht brutale Thriller gemacht.

Seine Handlung spielt sich auf zwei wechselnden Ebenen ab. Wobei Mosby dann in Bezug auf ihre vermeintliche Gleichzeitigkeit noch eine gelungene Wendung bietet. Ähnlich gelang dies etwa Paula Hawkins in ihrem Weltbestseller «Girl on the train».

Zum einen ist da Detective Nelson, der sich mit einem seltsamen Fall konfrontiert sieht: Eine verwirrte Frau mit Schnittnarben im Gesicht behauptet, eine Person zu sein, die nachweislich vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Sie sei aus dem Jenseits zurückgekehrt. Und tatsächlich spricht alles dafür, dass sie die vermeintliche Tote ist. Offenbar war sie jahrelang Opfer eines Entführers. Doch wieso taucht sie jetzt auf? Und wer denn ist damals gestorben? Der andere Protagonist ist Detective Groves. Dieser verlor vor langer Zeit seinen damals dreijährigen Sohn bei einer Kindesentführung. Die Leiche des Knaben tauchte auf, der Täter wurde nie gefasst. Da erhält der immer noch traumatisierte Groves eine Karte mit der Nachricht «Ich weiss, wer es getan hat».

Beide Erzählstränge sind spannend und mit psychologischer Tiefe erzählt. Gekonnt schält sich in ihrem Wechsel heraus, was man als Leser früh ahnt: dass die beiden Fälle zusammenhängen. Wie das genau funktioniert, ist atemberaubend komplex und vielleicht sogar eine Spur zu dick aufgetragen. Trotzdem: Auch dieser Thriller verdient eine uneingeschränkte Empfehlung.


Leserkommentare

Anzeige: