Heinz Holliger: «In der Kunst ist lügen unmöglich»

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Komponist, Musiker und Dirigent Heinz Holliger leitet das Orchester der Lucerne Festival Academy. Vor seinen Auftritten in Luzern spricht er über Ehrlichkeit und schlechte Musikprogramme.
10. August 2017, 07:49

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Heinz Holliger, das diesjährige Festivalthema ist «Identität». Was stellen Sie sich darunter vor?

Identität ist ein wichtiges Thema, momentan auf der ganzen Welt. Auf der einen Seite ist sie individuell am Verschwinden. Es findet eine geistige Nivellierung statt, eine Herunterstufung auf den gemeinsamen tiefsten Nenner. Die Menschen gleichen sich einander an. Andererseits kommen all diese unsäglichen faschistischen Gruppen auf, die ihre «Identität» wieder als die einzig richtige darstellen.

Zeigt sich dieser Identitätsverlust auch in der Musik?

Stücke zu schreiben, ist wie ein Spiegel, der mich, den Komponisten, reflektiert. Im Idealfall ist diese Musik eine Art Persönlichkeit, in der das ganze Leben zu einer grossen Summe findet. Damit sind nicht nur die Vergangenheit, die Herkunft oder meine Lehrer gemeint. Auch die Literatur, die Kunst, die Architektur – alles, womit man täglich umgeht, muss in einem guten Stück Musik seinen Raum finden. Im Idealfall gelingt es, diese Vielfalt auf einen Punkt zu bringen, sie in einem Werk zu vereinigen.

Der Komponist reflektiert also seine Umwelt. Bedeutet das für ihn nicht auch den Verlust seiner Identität?

Was ist denn diese Identität? Nicht umsonst bezeichnet das lateinische Wort persona die Maske des Schauspielers. Wichtig ist, dass man als Musiker nicht leicht manipulierbar ist, dass man das machen kann, woran man wirklich glaubt. In der Kunst ist lügen unmöglich. Kunst ist die gnadenlose Prüfung des eigenen Zentrums. Aus diesem muss der Klang entstehen.

Diese Prüfung dürfte vor allem bei längeren Stücken zur Herausforderung werden.

Der Maler kann sein Bild sehen, der Dichter seine Strophen laut lesen. Ein Komponist schreibt etwas auf Seite 14 und muss spüren, was dies für Konsequenzen auf Seite 117 haben wird. Man kann nicht wie ein Vogel von Ast zu Ast hüpfen. Es braucht eine Gesamtidee, die man dann in einem unendlich langsamen Vorgang realisiert. Paul Hindemith hat mal gesagt: «Komponieren ist wie eine Landschaft, die durch einen Blitz eine Sekunde hell beleuchtet wird.» Diesen Blitz gilt es festzuhalten.

Die von Ihnen hier proklamierte Ehrlichkeit zieht sich auch durch Ihre Programmgestaltung, zum Beispiel im Falle des Sinfoniekonzerts mit der Violinistin Patricia Kopatchinskaja.

Ich versuche Folgen zu gestalten, die eine klare Idee haben. Im Sinfoniekonzert mit der Festival Academy stelle ich Musik zu Menschen vor, die in ihrer Zeit als verrückt galten, aber eigentlich extrem weitsichtig waren. Da ist der Künstler Louis Soutter (1871–1942), dieses Schweizer Genie, das von seiner Familie im Heim entsorgt wurde. Soutters Finger- und Körpermalereien sind wegweisend. So hat er am 1. September 1939 – am Tag des Beginns des Zweiten Weltkrieges – sein Bild «Avant le massacre» gemalt, ein düsterer Schatten in Schwarz und Weiss. Zu einem Zeitpunkt, als viele Hitler noch für ungefährlich hielten, bewies Soutter mehr Weitblick als sämtliche Bundesräte.

Hatte der Komponist Charles Koechlin, der im selben Programm vorkommt, auch hellseherische Qualitäten?

Koechlin war ein visionärer Einzelgänger. Mit seinen abendfüllenden Tondichtungen über das «Dschungelbuch» schrieb er ein Manifest für die Freiheit. Er hat es gewagt, zur Zeit der deutschen Besetzung den Ordre d’honneur abzulehnen. So Musik zu machen, macht für mich Sinn. Mit solchen Paketen möchte ich die Menschen zum Nachdenken anregen, ja gar Ergriffenheit auslösen. Aber man muss realistisch sein. Nur die wenigsten Konzertbesucher werden ihr Leben ändern.

Aber vielleicht gelingt es, wenigstens musikalisch die Ohren zu öffnen?

Für mich hängt alles zusammen. Ein Stück führt zum nächsten oder lässt es einen anders empfinden. Durch gute Kombinationen wird es möglich, das Revolutionäre in einem Beethoven oder Haydn zu erkennen. Beide gingen zu ihrer Zeit an ihre Grenzen.

Am Festival werden Ihre Volksmusikstücke aufgeführt. Diese Musik haben Sie eher spät für sich entdeckt. Fanden Sie über eine Identitätskrise zu dieser Stilrichtung?

Gar nicht. Ich habe mich schon früh für Volksmusik interessiert, aber eher für die anderer Länder. Schweizer Heimatklänge waren für mich lange Zeit ein synthetisches, eingefrorenes Lächeln, das vor allem aus dem Radio kam. Erst der Klarinettist Elmar Schmid hat mein Interesse geweckt. Denn die Schweiz hat einen volkstümlichen Sagenschatz, der sich mit demjenigen Osteuropas vergleichen lässt. Es ist unglaublich, was sich im Bündnerland oder im Wallis entdecken lässt. Diesen Texten möchte ich ein musikalisches Gesicht geben. Überhaupt ist die moderne, tiefgründige Volksmusik heute sehr am Aufkommen. Junge Komponisten wie Christoph Blum oder Helena Winkelmann geben ihr eine ganz eigene Prägung, in Luzern gibt es eine eigene Abteilung an der Musikhochschule.

Sie sind auch im Dirigentenkurs tätig. Können die Schüler von einem Urgestein, wie Sie es sind, überhaupt etwas übernehmen?

Pierre Boulez hat gesagt, dass Dirigieren nicht unterrichtbar sei. So kann auch ich nur Ideen vermitteln. Wichtig ist, dass der Körper und die Seele im Einklang sind. Dass die Bewegungen mit den Gefühlen übereinstimmen. Das beginnt schon vorher. Es gibt keinen wichtigeren Moment, als wenn der Klang beginnt.

 


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