Regisseur Martin G. Berger: «In Luzern ist en miniature alles da»

LUZERNER THEATER ⋅ Martin G. Berger inszeniert Jules Vernes «In 80 Tagen um die Welt» als Brass-Musical. Und sagt als Berliner, wie er seinen Spieltrieb unter anderem mit Videos aus Luzern auslebt.
19. Mai 2017, 05:01

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Martin Berger, Brass-En­sembles nutzen ihre Instrumente gern für musikalischen Klamauk. Bedient auch Ihr Brass-Musical dieses Genre?

Klamauk würde ich das nicht nennen. Und die Musiker des Lucerne Brass Ensemble spielen bei uns ihre Instrumente, ohne dass der Posaunist den Elefanten machen müsste. Aber wir leben schon einen elementaren Spieltrieb aus und wollen mit viel Tempo unterhalten.

Grundlage ist Jules Vernes «In 80 Tagen um die Welt». Kann man damit mit dem heutigen Mobilitätswahn abrechnen?

Nein, es geht uns nicht um irgendwelche Belehrungen. Spannend an dem Buch ist, dass es nicht dem Klischee vom Abenteuerroman entspricht, das man mit Jules Verne verbindet. Da gibt es keinen Helden mehr, der in ­unbekannte Welten aufbricht. Selbst die aus einer Verfilmung bekannte Ballonfahrt gibt es im Buch nicht. Stattdessen führt es Mobilität als etwas Selbstverständliches vor – zu Fuss, mit der Bahn, auf dem Dampfer. Exotisch ist nur ein kurzer Ritt auf einem Elefanten.

Und was ist daran spannend?

Es ist eine Geschichte aus einer Zeit, in der die Welt offenbar auserzählt war und die grossen Entdeckungen bereits Vergangenheit waren. Das ist aus heutiger Sicht spannend, weil das für unsere Zeit noch viel stärker gilt. Selbst wenn Sie den Mount Everest besteigen, sind Sie da oben nicht mehr der Erste, sondern vielleicht der 350 000ste. Das Reisen überhaupt wird damit etwas so Alltägliches wie eine Zugfahrt von Kassel nach Hannover.

Sie zeigen Videos, die für diese Produktion in Luzern gedreht wurden. Muss man also gar nicht mehr selber aufbrechen?

Der Wunsch danach ist natürlich ungebrochen. Die Banalisierung des Reisens ist ja Teil einer Globalisierung, die uns alle irgendwie gleich gemacht hat. Gerade deshalb sehnen sich die Menschen wieder nach Unterscheidungen, die Klarheit schaffen. Das kann der Wunsch sein, dass Männer wieder klar Männer und Frauen Frauen sind. Oder dass man hofft, in exotischen Ländern auf Hottentotten zu treffen, die uns unsere Identität bestätigen, weil sie ganz anders leben als wir. Nur um festzustellen, dass diese inzwischen auch ihr Handy haben.

Einen möglichen Ausweg bieten heute virtuelle Welten. Spielen die Luzern-Videos darauf an?

In gewissem Sinn ja, weil man auch damit Orte besuchen kann, ohne sich wegzubewegen. Nur ist das bei uns etwas Nostalgisches. Die Hauptfigur und ihr Diener, die wir von der Buchvorlage frei übernehmen, erfinden sich in ihrer Einbildung eine eigene Welt, indem sie sich mit einer Zeitmaschine an verschiedene Orte versetzen. Das sind bei uns zwar Bilder aus Luzern, aber der Vierwaldstättersee kann auch das Mittelmeer sein oder das Löwendenkmal in Rom. Und das Eis auf dem Pilatus ist auch nicht weniger ewig als dasjenige auf den Rocky Mountains. Das faszinierte mich als Berliner an Luzern: Hier ist wie in einer Nussschale alles da, die ganze Welt en miniature.

Bei so vielen Hintergedanken könnte der Klamauk fast zu kurz kommen.

Nein, keine Angst, da wird nicht plötzlich Adorno zitiert. Stattdessen gibt es viel Situationskomik, weil die Sänger und der Sprecher die Filmszenen hinter Vorhängen nachspielen und am Schluss die Ebenen durcheinanderkommen. Tanzchoreografien, die vom ­Komiker-Duo Crosby und Hope inspiriert sind, spielen augenzwinkernd darauf an, dass wir im kleinen Haus am liebsten eine Riesenshow à la Hollywood anrichten würden. Und die vom Lucerne Brass Ensemble arrangierte Musik unterstützt das mit viel Swing, Jazz und Songs etwa von Sinatra.

Mindestens die Musik also ist echt?

Nicht nur! Theater lebt ja immer davon, dass wir etwas als Wirklichkeit erleben, wenn es nur genug stark als solche behauptet wird. Und dass wahr ist, was alle glauben oder was die Mehrheit glaubt. Neu ist allerdings, dass dieses Prinzip heute immer mehr auf die Realität übergreift, wo Donald Trump und andere sich ihre eigene Realität erfinden und diese wirkungsvoll behaupten.

Also gibt der Abend gar ein politisches Statement ab?

Nein, der Abend will vor allem unterhalten. Aber vielleicht nehmen die Zuschauer die Frage mit nach Hause, wie viel Fernweh beziehungsweise wie viel Heimat der Mensch eigentlich braucht.


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