Intime Anmut und Temperament

BÜRGENSTOCK ⋅ Die Musiker um Andreas Ottensamer und José Gallardo verbanden Mozart und Piazzolla zu musikalischem Hochgenuss. Das erste Konzert des Bürgenstock-Winterfestivals hat vollends überzeugt.
10. Februar 2018, 12:04

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch

Haben Mozart und Piazzolla etwas gemeinsam? Überschäumende Einfälle (passend zur Fasnacht), Leichtigkeit und melancholische Tiefe, rhythmische Vielfalt und Rebellion gegen Konventionen ganz gewiss. Im Konzert «Mozart vs. Piazzolla» am Donnerstag im Festsaal der Villa Honegg konnte man diese Gemeinsamkeiten hautnah erleben.

Die Interpretationen der Musiker um Andreas Ottensamer und José Gallardo (künstlerische Leiter) verbanden die ausgesuchten Werke fliessend und doch eigenständig miteinander. Und das Thema «Kontrast – con Tango» des Bürgenstock-Winterfestivals, das in diesen Tagen zum sechsten Mal stattfindet (und bei dem es nur für Sonntag noch Restkarten gibt), wurde voll ausgereizt. In speziellen Arrangements kamen die besonderen Fähigkeiten der einzelnen Künstler ebenso voll zur Geltung wie das intensive Zusammenspiel. Dass der Hornist Alessandro Viotti, kurzfristig eingesprungen für Paolo Mendes, sich nahtlos in das Ensemble einfügte, war ebenso zu bewundern wie die neue Zusammenarbeit mit der Geigerin Rosanne Philippens.

Stimmige Atmosphäre

Mit lockeren Erläuterungen stimmte Andreas Ottensamer auf die Werke ein, und es verbreitete sich eine geradezu familiäre Atmosphäre im Saal. Und ob mal ein Notenblatt zu Boden fiel, es etwas dauerte, bis die Musiker ihren richtigen Platz gefunden hatten oder der Flügel nochmals verschoben werden musste, all das passte stimmig zusammen.

Mozarts selten aufgeführtes Allegro in F-Dur, ein Fragment für Klarinette, Horn und Streichtrio, bestach durch feine Melodik und ausgewogene Balance der fünf Instrumente. Danach gelang Mozarts letztes Kammermusikwerk KV 617 mit Ksenija Sidorova, Akkordeon, und dem Streichquartett mit Rosanne Philippens und Olga Polonsky, Violinen, Tomoko Akasaka, Viola, und Stephan Koncz, Cello, zu einem leuchtenden Kleinod. Ursprünglich für Glasharmonika, Flöte, Klarinette, Viola und Cello geschrieben, vereinten sich die Klänge in der Besetzung mit Akkordeon und Streichern besonders intensiv. Manchmal passte sich Sidorova mit den vielfältigen Klangfarben ihres Akkordeons ganz dem Streicherklang an, dann wieder meinte man, die Glasharmonika herauszuhören.

«Le Grand Tango» für Viola und Klavier schien die Kontraste aus Mozarts Musik direkt aufzunehmen. José Gallardo mit seinem feinfühligen Klavierspiel, in dem sich Sanftheit und rhythmische Präzision, impressionistische Klangmalerei und argentinisches Temperament fantastisch vereinten, war der ideale Partner für das intensiv gesangliche Spiel von Tomoko Akasaka. Die Mischung aus leidenschaftlicher Melancholie und aufbrausen- der Heftigkeit wurde hinreissend gestaltet.

In Mozarts Quintett für Horn, Violine, zwei Violen (Olga Polonsky spielte die zweite Bratsche) und Violoncello überzeugte Alessandro Viotti mit weichem Ton und müheloser Virtuosität. Orchestrale Klangfülle wechselte mit intimer Anmut; das Zusammenspiel der fünf Musiker war geprägt von sichtbarer Spielfreude und einem musikalischen Einvernehmen, das sich durch den ganzen Abend zog.

Mitreissende Klangvariationen

Mit der Fantasie on a theme of Piazzollas «Chiuilin de Bachin», das der französische Akkordeonspieler Franck Angelis für Ksenija Sidorova geschrieben hat, tauchte die Künstlerin tief in die Tango-Musik ein. Die Streicher folgten den fein ziselierten Klängen des Akkordeons mit dynamischer Flexibilität und schmelzender Intensität. Was sich dann aber in «Histoire du Tango» von Astor Piazzolla geradezu ereignete, musste man erlebt haben. Meist nur mit einem Melodie-Instrument und Klavier gespielt, wurde es hier ganz neu arrangiert und quasi improvisiert; zu Violine, Klarinette und Klavier gesellten sich Akkordeon und Gitarre. Miloš Karadaglic steuerte neue Elemente bei, alle Instrumente wurden auch mal perkussiv eingesetzt, und es entspannen sich mitreissende Klangvariationen und lebendige Szenen, die von den vielen Zuhörern bejubelt wurden.

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