Musiktheaterproduktion «Feeling Gatsby»: Jazz umsäuselt Liebestaumel

LUZERNER THEATER ⋅ Die Musiktheaterproduktion «Feeling Gatsby» entführt uns in die Roaring Twenties. Eine ­Partygesellschaft, Liebesweh und Jazzstandards werden zu einem dunklen Szenengemälde verquickt.
13. Oktober 2017, 07:42

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Die Produktion des Luzerner Theaters, die am Mittwoch in der stickigen Box Premiere hatte, begibt sich «auf die Suche nach dem Mythos Gatsby und dem explosiven Lebensgefühl der frühen 20er-Jahre», wie es heisst. Regisseur Lennart Hantke inszeniert ein theatralisches Geschehen mit zwei Schauspielern (Jason Cox, Annina Polivka), Luzerner Jugendlichen als bunt dekorierte Party-Statisten und einer Jazzband, die hinter den schwarzen Vorhängen den musikalischen Soundtrack grundiert, den Jason Cox in gelassener Souplesse in Songs überführt.

Das Geschehen dreht sich um Jay Gatsby, die Hauptfigur in F. Scott Fitzgeralds berühmtem Roman «The Great Gatsby» (1925). Fitzgerald zeichnet darin das leicht dekadente, von Prohibition, Gangstertum und Ausschweifungen gezeichnete Lebensgefühl der Roaring Twenties, das einem in der heutigen Zeit doch sehr vertraut vorkommt. Neben den gesellschaftskritischen Aspekten werden auch Liebespsychologien in der aufstrebenden Konsumgesellschaft verhandelt. Liebe, Reichtum, sozialer Status und die einsame Sehnsucht des Individuums.

Brandy, der nach Schwarztee schmeckt

Gatsby veranstaltet auf einem mondänen Anwesen rauschende Partys, um seine verlorene Geliebte Daisy zurückzugewinnen. Bruchstücke aus dem Roman tauchen auf: Gerüchte um Gatsby, ist er kriminell, hat er jemanden umgebracht? Oder die Geliebte von Daisys Mann, die nach dem Rendezvous der zwei Männer, die Daisy begehren, von einem Auto erfasst und getötet wird. Am Steuer sass Daisy, Gatsby aber nimmt die Schuld auf sich.

Im ersten Teil der Produktion steht das Publikum im Raum und wird Teil der etwas gelangweilten Partygesellschaft, die mit Gatsby feiert. Gläser mit Brandy, der nach Schwarztee schmeckt, werden durch den Raum gefahren und verteilt. Wo ist Gatsby? Liegt er schon tot im Swimmingpool? Oder singt er gerade einen Standard von Cole Porter?

Die Personen und Bedeutungen verschwimmen, die Perspektiven des Erzählens wechseln, auch die lebenslange Liebesbeziehung zwischen F. Scott und seiner Frau Zelda wird in das Spiel integriert. Was einigermassen stabil bleibt sind die Gefühle von Liebesweh, Sehnsucht, Begehren, Verlust, die Annina Polivka in wechselnden Emotionen zum Ausdruck bringt.

Ein bisschen Belanglosigkeit

Im zweiten Teil, als das Publikum hinter schwarzen Vorhangstreifen auf drei Seiten des Raumes Platz genommen hat, wird der Liebestaumel weiter ausgewalzt, immer wieder begleitet von Standards aus der Feder von Cole Porter und George Gershwin. Gegen Ende wird mit «The Good Life» auch ein durch Frank Sinatra bekanntgewordener Song von Sacha Distel intoniert. Kuriose Accessoires wie etwa das Pfauengefieder, mit dem sich Gatsby aufplustert, sorgen für ein kurzes Amusement, bis man sich wieder fragt, worum es hier eigentlich geht.

Das Liebestandem junge Frau – älterer Herr mutet, wie das Crooning, immer etwas schwülstig an. Beides verleiht der Aufführung ihren atmosphärischen Geschmack. Die Songs werden von einer Band aus Studierenden der Jazzabteilung Hochschule Luzern – Musik gut und nuanciert gespielt. Die eigentlichen Geschichten, die angetippt werden, wirken etwas blass und wollen emotionalisieren, aber schwächeln in ihrer Belanglosigkeit. Es ist die Jazzband, die Bühne (Lea Burkhalter) und der lange Schlussapplaus, die diesem Stück seine Bedeutung geben.

Hinweis

Weitere Aufführungen: heute und morgen jeweils 21.30 Uhr, 22. Oktober (16.30 Uhr), 24., 25, 26. und 28. Oktober (jeweils 21.30 Uhr).

www.luzernertheater.ch


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