Jimi Hendrix – Grüsse aus dem Jenseits

ERINNERUNG ⋅ Vor 75 Jahren – am 27. November 1942 – wurde Jimi Hendrix in Seattle geboren. Auch in Europa hatte er grandiose Auftritte. Eine Reminiszenz an den grössten Gitarristen, den die Rockwelt je erlebt hat.
27. November 2017, 08:49

Olaf Neumann

Sein Körper ist längst Staub und seine Seele im Rock’n’Roll-Himmel, aber von keinem toten Musiker werden so viele Platten veröffentlicht wie von Jimi Hendrix. Gerade haben Sony Music und das Familienunternehmen Experience Hendrix L.L.C. ihre gemeinsame legale Leichenfledderei verlängert. Jüngst ist das Album «Jimi Hendrix Machine Gun: The Fillmore East First Show 12/31/69» erschienen. Weitere unveröffentlichte beziehungsweise neu entdeckte Musik- und Filmaufnahmen aus seiner kreativen Schaffensphase von 1966 bis 1970 sollen folgen.

Die Nachfrage kommt nicht von ungefähr, denn Jimi Hendrix’ Kombination aus verzerrten Riffs, Rückkopplungen und tief empfundenem Blues beeinflusst auch heute noch Legionen von jungen Gitarristen. Dabei wollte er eigentlich immer nur Musiker sein, niemals Vorbild und schon gar nicht der teuerste Solointerpret der Rockmusik.

Für Jimi gibt es nur einen Weg

Geboren wird James Marshall «Jimi» Hendrix am 27. November 1942 in Seattle als Sohn des Ehepaars Al Hendrix und Lucille Jeter und Enkel einer Indianerin vom Stamm der Cherokee. «Als ich klein war, musste Jimi immer auf mich aufpassen», erinnert Leon Hendrix sich an seinen sechs Jahre älteren Bruder. «Mom und Dad kamen manchmal tagelang nicht nach Hause. Damit es ihm nicht langweilig wurde, fing Jimi an, Chuck Berry, Elvis Presley, Robert Johnson und Muddy Waters zu imitieren. Diese frühen Shows spielte er allein für mich.»

1954 kauft er sich für fünf Dollar seine erste Klampfe, seine erste elektrische Gitarre ist Jahre später das Ergebnis einer Bastelarbeit. Er klebt einen billigen Tonabnehmer an eine alte Fox-Gitarre, die er dann über die Wohnzimmeranlage spielt. «Was gab das für Rückkopplungen!», erzählt Leon Hendrix lachend. «Jimi war schon damals ein kleines Genie. Unser Vater wurde immer ganz verrückt, wenn er Jimi zu Hause Gitarre spielen hörte. Dad war ja nur ein einfacher Gärtner. Diesen Weg sollten eigentlich auch seine Söhne einschlagen.»

Doch für Jimi Hendrix gibt es nur einen Weg zum Glück. Nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Army im Sommer 1962 widmet er sich dem Studium von Blues, Rhythm & Blues und Country. Der ehemalige Elitesoldat entwickelt nicht nur ein Faible für dekorierte Uniformjacken, sondern auch eine völlig neue Spieltechnik mit Elementen aus dem Jazz und Klangverfremdungen durch Verzerrer und Wah-Wah-Pedal. Diese präsentiert der Hippie in den Clubs und Kneipen von Louisiana und Mississippi. Dank seines exzeptionellen Talents avanciert er zum begehrten Mietmusiker von damaligen Grössen wie Sam Cooke, Ike Turner und Little Richard. 1964 ist sein charakteristisches Gitarrenspiel auf zahlreichen Plattenaufnahmen der Isley Brothers und von Curtis Knight zu hören.

Psychedelischer Einschlag als Markenzeichen

Der Auftritt der Jimi Hendrix Experience am 18. Oktober 1966 im Pariser «Olympia» ist wie ein Donnerhall. Das Trio mit Mitch Mitchell am Schlagzeug und Noel Redding am Bass spielt den aufregendsten und schwersten Rock seiner Zeit. Der psychedelische Einschlag wird zu ihrem Markenzeichen. Sein zerhacktes «Star Sprangled Banner», die Hymne der Anti-Vietnam-Kriegsbewegung, spielt Jimi Hendrix auch bei Konzerten in Europa. Nach einem Auftritt am 17. März 1967 im Starclub fliegt er wegen Ruhestörung aus einem Motel raus. Einen Monat später sorgt er beim Monterey Pop Festival in Kalifornien für einen Tumult, indem er seine Fender Stratocaster äusserst effektvoll in Flammen setzt. Der karriereentscheidende Gig ist auf Drängen von Paul McCartney zustande gekommen.

«Jeder Abend war anders», erinnert sich Leon Hendrix an die Tourneen seines Bruders. «Jimi hatte irgendwann überhaupt keine Lust mehr, ‹Foxy Lady› und ‹Purple Haze› zu spielen.» Seine rastlose Suche nach neuen Klängen kulminiert im Herbst 1968 in dem epochalen Doppelalbum «Electric Ladyland». Darin setzt er trotz gesundheitlicher Probleme seine Vision von «Earth Space Music» und kosmischem Blues kompromisslos um. Der Linkshänder mit den schnellen Fingern und schneidenden Riffs lädt zahlreiche Gäste ins Studio, darunter die Keyboarder Steve Windwood und Al Kooper sowie der Schlagzeuger Buddy Miles. Für Aufsehen sorgt nicht nur die Musik mit ihrer exzessiven Kraft, sondern auch das Cover. Darauf tummeln sich zahlreiche unbekleidete Schönheiten. Die gezielte Provokation erfüllt ihren Zweck. Der Vietnam-Krieg ist Ende der 1960er-Jahre zu einem Trauma der Amerikaner geworden, und für die Jugend ist Rockmusik zunehmend das Ventil für Wut und Frustrationen.

Ein weiterer Höhepunkt seines Schaffens ist der berühmte Auftritt beim Woodstock Festival am 18. August 1969 mit dem neuen Quintett Gypsy Sons & Rainbows. Vor 500'000 Zuschauern zerfetzt Jimi Hendrix die amerikanische Nationalhymne in einer fulminanten Performance mit ohrenbetäubenden Rückkopplungen. Ein Abgesang auf den American Way Of Life – bis heute unübertroffen.

Das geschundene Genie stirbt in London

Die weltweiten Konzertreisen und endlosen Studioaufenthalte kompensiert der sensible Künstler mit Tabletten und Drogen. Das letzte von Hendrix persönlich legitimierte Studioalbum steht unter keinem guten Stern. Während der Aufnahmen zu «The Cry Of Love» im Winter 1969/70 laufen diverse Urheberrechts- und Drogenprozesse gegen ihn. Nichtsdestotrotz beschert ihm die Platte einen Riesenerfolg. Als ein Fiasko erweist sich hingegen sein Auftritt beim Love & Peace Festival auf der Ostseeinsel Fehmarn vom 6. September 1970. Das geschundene Genie betritt die Bühne mit einem Tag Verspätung. Es soll sein Schwanengesang werden.

Die Nacht vom 17. auf den 18. September 1970 verbringt Jimi Hendrix in einem Apartment im Londoner Samarkand-Hotel. Er trinkt zu viel Wein, raucht Joints, schluckt Amphetamine und zahlreiche Schlaftabletten. Er streitet sich mit seiner deutschen Lebensgefährtin Monika Dannemann. Und er schreibt ein letztes Gedicht: «The Story Of My Life». Am nächsten Morgen findet Dannemann ihn leblos neben sich – er ist erstickt an seinem eigenen Erbrochenen. Sie ruft Hendrix’ Freund Eric Burdon an. Alle Wiederbelebungsversuche sind zwecklos.

Die unmittelbar einsetzende Vermarktung des Mythos Jimi Hendrix bringt Hunderte von obskuren Platten in teilweise miserabler Tonqualität hervor. Auch der Personenkult treibt absurde Blüten. Und Familienoberhaupt Al Hendrix kann nicht verhindern, dass sich sein jüngster Sohn Leon und seine Stieftochter Janie darüber zerstreiten, wer von den absurd hohen Tantiemen aus den posthum veröffentlichten Songs profitieren soll. Allein Janie soll am Nachlass ihres Bruders bis heute 15 Millionen Dollar verdient haben. Der Tod muss nicht das Ende einer Karriere bedeuten.

«Purple-Box – The Jimi Hendrix Experience», 8 LPs, Legacy/Sony Music, zudem zahlreiche weitere Vinyl-Wiederveröffentlichungen.

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