Katholische Bilderpracht erklärt die Reformation

KUNST ⋅ Zu Zwinglis Reformation gibt es kaum Bilder, aber trotzdem eine spannende Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Diese vereint rund 60 Werke vom 16. bis ins 20. Jahrhundert.
11. Oktober 2017, 08:13

Wie präsentiert man seine Sammlung immer wieder neu und überraschend? Indem man Schwerpunkte setzt. Eine besonders hübsche Form kennt das Kunsthaus Zürich. Es lässt sein Publikum alljährlich eine «Bilderwahl» treffen und baut um das gewählte Kunstwerk eine thematische Ausstellung. Dieses Jahr fiel die Wahl auf Ferdinand Hodlers monumentales Gemälde «Einmütigkeit», das seit bald hundert Jahren im Treppenhaus hängt. Es zeigt eine Gruppe von Männern, die mit hochgereckter Faust einem rotgekleideten Redner in feuriger Pose zustimmen.

Aus dem Blickwinkel des Demokraten

Was für die Schweizer Betrachterin wie ein Rütlischwur von Dutzenden Männern wirkt, zeigt die Zustimmung der Bürger von Hannover für die Reformation. Hodler malte die Szene 1911 im Auftrag und natürlich aus dem Blickwinkel des Demokraten. Analoge Bildwerke aus und über das bilderfeindliche Reformationszeitalter existieren dagegen in Zürich kaum – zu sehen ist einzig Zwinglis «Auszug zur Schlacht bei Kappel», zum zweiten dieser Konfessionskriege 1531, in dem er den Tod fand. Ludwig Vogel malte es 1838, als Erinnerung und weil die Glaubensfrage im jungen Schweizer Staat wieder aufkeimte.

Als Schweizer Pendant zu Hodlers «Einmütigkeit» lässt sich Albert Ankers «Kappeler Milchsuppe» lesen. Gemalt 1869, also zwischen der Gründung des Bundesstaates 1848 und der staatstragenden Verfassung von 1874, votierte der liberale Maler damit indirekt für mehr Mitsprache durch das Volk. Denn die Soldaten hatten sich bei der ersten Schlacht von Kappel längst vernünftig um die Suppe verbrüdert, als die Obrigkeit noch um Einigung rang.

Zu Lebzeiten hatte Reformator Zwingli die Bilder und Statuen aus den Kirchen entfernen lassen. Nicht diese aus Holz oder Farbe gefertigten Götzen sollten die Gläubigen verehren – sondern den reinen Glauben finden. Die Kunstwerke wurden in Zürich aber nicht in einem Bildersturm zerstört, sondern obrigkeitlich geräumt – und landeten in den Museen.

Erstaunlicher Sammlungsbestand

Kurator Andreas Rüfenacht hat diese vorreformatorische Bilderpracht aus den Depots des Kunsthauses geholt. Es gebe nicht Tausende Altarbilder, Heiligenstatuen oder Barockgemälde, aber doch einen erstaunlichen Bestand, sagt Sammlungskurator Philippe Büttner. So mutet die Ausstellung «Reformation» denn auch sehr katholisch an. Mit goldglänzenden Altarbildern des 16. Jahrhunderts, üppigem Barock und den naiv-süssen Bildern der nachreformatorischen Nazarener.

Doch nicht mit diesen zum Kitsch neigenden Heiligenbildchen wollte Rüfenacht die Reformation im Bild beenden, sondern fragte, wie sich das Thema Glaube weiterentwickelt habe. So hängen zum Schluss zwei kühle, geometrische Kompositionen von Fritz Glarner und Piet Mondrian aus dem 20.Jahrhundert. Die neuen Ikonen für Transzendenz hätten Zwingli in ihrer abstrakten Reinheit wohl gefallen.

 

Sabine Altorfer

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Reformation», Kunsthaus Zürich, bis 14. Januar 2018


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