Arundhati Roy : «Kein Interesse, Märtyrerin zu werden»

LITERATUR ⋅ Die Inderin Arundhati Roy eröffnet den Reigen der Lesungen im Zürcher Kosmos. Kraftvoll und zugleich poetisch kämpft die Autorin um Gerechtigkeit.
14. September 2017, 07:48

Klein wirkt Arundhati Roy, wie sie da durch den mit 300 Zuschauern voll besetzten Lesesaal des neuen Kosmos in Zürich auf die Bühne steigt. Die 58-Jährige geht kerzengerade und trägt die wilden Wusellocken stolz wie eine Krone. Später wird die indische Autorin von den Protagonisten ihres neuen Buches sprechen, die ihren Weg gingen auf ganz eigene Weise («in a most pecu­liar way») – und es ist, als ginge auch Arundhati Roy ihren «most peculiar way». Dieser Weg ist kein leichter, aber einer, der sie nach landläufigen Massstäben zu einer erfolgreichen Autorin gemacht hat. Da war 1997 der Booker Preis für das Début «Der Gott der kleinen Dinge», acht Millionen Mal verkauft, übersetzt in 42 Sprachen.

Das «verbrecherische» indische Kastenwesen

Dann aber folgte nicht die Fortsetzung, sondern eine Karriere als Essayistin, als politische Kämpferin, die sich einsetzt gegen Staudammprojekte, die grosse Enteignungen nach sich ziehen, gegen Indiens Aufrüstung mit Atomwaffen, gegen den Irakkrieg. Und immer, immer wieder gegen die Auswüchse des Kapitalismus, gegen Globalisierung. Und gegen das indische Kastenwesen, das sie im Gespräch mit Das-Magazin-Redaktor Mikael Krogerus das «verbrecherischste Hierarchiesystem, das je erdacht wurde» nennt. Und jetzt, 20 Jahre später, endlich der belletristische Zweitling: «Das Ministerium des äussersten Glücks», 553 Seiten stark. Wild, wuchtig, verwirrend. «Nicht die Art Buch, die in Werkstätten für kreatives Schreiben entsteht», wie sie süffisant sagt. Vielmehr eines, das schillert, stinkt, stachelt und weh tut. Ein «universe», sagt Roy und benutzt auch das Bild einer Stadt, in der einem an jeder Strassenecke Menschen begegnen, deren Schicksal erzählenswert ist.

Die Stadt, das ist Delhi, wo sie lebt, «in jeder Hinsicht das totale Gegenteil von Zürich». Grauenhaft, schrecklich, alle Grenzen würden dort verwischen, in dieser Heimat von 22 Millionen Menschen. «Aber ich liebe es.» Die Stadt sei wie das Meer, oben der giftige Abfall und ungeahnte Strömungen und Höhlen in tieferen Schichten.

In ihrer Heimat wird sie an den Pranger gestellt

Roys Heldinnen finden ihr Glück auf verschlungenen Wegen, errichten sich ihre Heimat auf dem Friedhof, vermieten Zimmer im «Jannat guesthouse», wie das Paradies im Islam heisst. Wir leben alle auf dem Friedhof, sagt Roy, wir sollten alle unser Paradies-Gasthaus eröffnen. Auch mit ihrem Motto «To The Unconsoled», das Annette Grube für den S. Fischer Verlag mit «Den Ungetrösteten» übersetzt, meint Roy uns alle. Zwar würden wir von der Werbung auf ständige Begeisterung getrimmt, aber im Grunde unseres Herzens seien wir alle «lost», verloren. Das aber gibt niemandem das Recht auf Verzweiflung oder sogar Untätigkeit. Das weiss Roy selbst am besten. In ihrer Heimat Indien schlägt Premierminister Narendra Modi immer offener hindunationalis­tische Töne an. Immer offener unterstützen Regierungsmitglieder die Hetzjagd auf Muslime, die vom Mob gelyncht werden; der Verdacht, Rinder getötet zu haben, reicht aus.

Mit «Das Ministerium des äussersten Glücks» hat Arundhati Roy das Schreiben von Essays mitnichten beendet, vielmehr kämpft sie die alten Schlachten jetzt mit belletristischen Mitteln. Sie vertraut fest auf die Kraft und Macht der Kunst. Die Entwicklung gibt ihr – paradoxerweise – recht: Längst wird auch sie in ihrem Heimatland an den Pranger gestellt, offen angegriffen. «Nein, ich habe kein Interesse daran, Märtyrerin zu werden», sagt Roy. «Aber selbst wenn ich wüsste, dass ich nichts erreichen könnte, würde ich weiterschreiben und weiterkämpfen. Lieber will ich scheitern als auf der falschen Seite stehen.»

Valeria Heintges


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