Kick-off für die Tschutti-Bilder

FUSSBALL-BILDLI ⋅ Über 500 Maradonas aus aller Welt haben die Macher des «Tschutti-Heftli» bekommen. So viele Künstler wollten eine Mannschaft für die alternativen Panini-Bilder gestalten.
03. Dezember 2017, 08:39

Michael Graber

Je näher der Start eines Fussballgrossanlasses rückt, desto heftiger beginnt die Marketingmaschine zu tuckern. Nati-Brote wird es geben, Shaqiri-Schuhe ebenfalls und natürlich auch die unvermeidlichen Panini-Bilder. Die sind bei den letzten Ausgaben vor allem durch allerlei Photoshop-Fails und ausufernde Spezialkleber-Orgien (das EM-Heft 2016 umfasste ganze 680 Bildli) aufgefallen. Auf den Pausenplätzen des Landes werden sie trotzdem wieder dominieren, mittlerweile wird aber um die Bilder gespielt statt getauscht.

Wer dem Schulhaus entwachsen ist, aber das Herz für Bildli nicht verloren hat, findet in den «Tschutti-Heftli»-Bildli eine wunderschöne Alternative. Die Idee, einst in Luzern zur EM 2008 entstanden, ist mittlerweile gross geworden. Knapp 4 Millionen Bilder werden die Macher drucken und in mehreren Ländern verkaufen lassen. Die Spieler sind gezeichnet, gemalt, gestaltet und nicht fotografiert. Gerade sind die ausgewählten Künstler daran, jeweils elf Spieler, Trainer und Wappen zu gestalten.

Linien auf dem Fussballplatz und aus Kokain

Wer dabei sein wollte, musste einen Diego Maradona erschaffen. Über 500 Künstler und Illustratoren aus aller Welt versuchten sich an der «Hand Gottes». 32 wurden schliesslich ausgewählt – jeder gestaltet nun eine Mannschaft. Die Freude sei jeweils sehr gross, wenn die Künstler hörten, dass sie ausgewählt worden sind – «ich dagegen habe manchmal fast ein bisschen ein schlechtes Gewissen», sagt Silvan Glanzmann, der das Projekt koordiniert. Weil: «Es heisst auch ganz viel Arbeit, und das mitten in der Weihnachtszeit.»

Martin Holle aus dem deutschen Herford hat etwa einen Maradona aus Bügelperlen gestaltet. Aus dem Kinderspielzeug wird ein kleines Kunstwerk. Der Aufwand, auf diese Art elf unterschiedliche Spieler zu gestalten, ist aber alles andere als Kinderkram. Ambitioniert ist auch Stevie Fiedler aus Basel. Er will seine Spieler künstlerisch mittels den Linien auf einem Spielfeld entstehen lassen. «Er hat angekündigt zu versuchen, ein Porträt sogar echt auf ein Spielfeld zu malen und es dann mit einer Drohne zu fotografieren», sagt Glanzmann. Sein Traum wäre, ein Seferovic-Porträt (Fiedler hat die Schweizer Nati) auf dem Joggeli-Rasen entstehen zu lassen, «als Wiedergutmachung», wie Glanzmann lachend ergänzt.

Prominent besetzte Jury

Von der Ikonenfigur bis zu einem Maradona aus (Kokain-)Pulver findet man zahlreiche witzige bis grandiose Umsetzungen. Erstaunt betrachtet man auch die Internationalität der Eingaben. Neben Deutschen, Schweizern und Österreichern findet man viele Künstler aus Russland und anderen Ländern, sogar ein Syrer macht mit. «Wir haben erstaunlich viele Eingaben aus Russland erhalten», so Glanzmann, «ganz offensichtlich haben sich dort auch die Gestalter und Illustratoren mit der kommenden WM auseinandergesetzt.»

Und während für einen Schweizer Illustrator das Preisgeld (zwischen 100 und 300 Franken) plus eine weitere erfolgsabhängige Prämie (rund 700 Franken) gemessen am Aufwand eher im Bereich «Spesenentschädigung» läuft, ist das in Indonesien oder dem Iran eine stattliche Summe. Zehn Rappen pro verkaufte Tüte (mit zehn Stickern für 1.50 Franken) gehen zudem an Terre des hommes Schweiz.

An ihrem Erfolgskonzept –mittlerweile ist es das sechste Sammelheft – schrauben die Macher nur noch wenig. Zuerst kürte eine prominent besetzte Jury (unter anderem mit Zeichner Nicolas Mahler und Nationalspielerin Ramona Bachmann) ihre Favoriten und machte zudem eine Shortlist. «Aus dieser haben wir vom ‹Tschutti-Heftli›-Team dann unsere Lieblinge ausgewählt», sagt Glanzmann. In diesem Jahr haben sie darauf geachtet, dass möglichst viele unterschiedliche Stile vertreten sind. Für Glanzmann sind die «Tschutti-Bildli» dann auch eher ein Kunst- als ein Fussballprojekt (er ist selber leidenschaftlicher Fussballfan und Illustrator). «Die Schnittmenge zwischen Kunst und Fussball ist eher gering», sagt er. Sagt’s und ist selber an einem hervorragenden Gegenbeispiel beteiligt.

Während jetzt um den ganzen Globus gemalt, gezeichnet und gestaltet wird, kann man sich die Maradonas schon nach Hause holen. Einen Kalender mit 185 der eingereichten Arbeiten haben die Macher produziert. Dieser kann nun bestellt werden. Ein Maradona für jeden Tag vom 1. Januar bis zum Anpfiff der Fussball-WM. Da gibt es täglich etwas zum Bestaunen und Angucken. Das kann man vom Nati-Brot und den Shaqiri-Schuhen nicht sagen.

Hinweis

Infos und Kalender:

www.tschuttiheft.li

In den nächsten Tagen geht zudem ein Crowdfunding online. Dort kann man sich Goodies sichern (unter anderem Bilder oder ein Porträt, gestaltet von einem Künstler). Die Einnahmen gehen an die beteiligten Künstler.

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