Simon Ledergerber ist ein Künstler mit Forscherherz

PORTRÄT ⋅ Im Atelier des Künstlers Simon Ledergerber (40) erblassen Fliegenpilze und malen Insekten in Co-Autorschaft Bilder. Dieses Jahr wird der Urner die Kabinettschau der Jahresausstellung des Zentralschweizer Kunstschaffens ausrichten.
08. Januar 2018, 07:59

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Sechs Jahre strolchte der Igel munter durch eine 250-Quadratmeter-Halle in der Nähe des Bahnhofs Biel. Dort, wo sich regelmässig auch der Urner Künstler Simon Ledergerber einigelt, um an seinen Stein- und Holzskulpturen zu arbeiten oder mit Naturmaterialien zu experimentieren. Als das Tier eines Tages tot im Atelier lag, sah Ledergerber die Zeit gekommen, ihn unsterblich zu machen. «Ich habe ihn eingeformt», erklärt er und zeigt auf die feuerfeste Form, mit der er das Tier später in Bronze giessen will. «Mal sehen, was dann noch von ihm übrig bleibt.»

Mit dieser einen persönlichen Beziehung zum Vertreter einer der ältesten Tierarten überhaupt ist schon einiges gesagt über Ledergerbers Verhältnis zur Welt. «Meine Arbeit hat mit mir und meiner Umgebung zu tun», so der Künstler. Er muss die Dinge in die Hand nehmen, ausprobieren. Die Formel im Chemielehrbuch reicht ihm nicht aus. Er muss schon mit eigenen Augen gesehen haben, wie die aus einem Infusionssack tropfende Salzlösung über einem von ihm mit Tusche eingefärbten Gipskubus dessen Innenraum langsam aushöhlt. «Aus diesen Beobachtungen ziehe ich dann Erkenntnisse, mit denen ich in meinem künstlerischen Prozess weitergehe.»

Eine Schwäche für alte Knochen

Dass Ledergerber, der sich als ­gelernter Schreiner seine Atelierregale selbst gebaut hat, mit diesem Interesse für die Veränderlichkeit von Materie irgendwann sein angestammtes Gebiet der Bildhauerei mal verlassen würde, wo man Material in eine fixe Form bringt, ist aus heutiger Sicht nachvollziehbar, auch wenn in seinem Atelier heute noch viele hochwertige Friese und Plastiken stehen, die von einer grossen Liebe für den Klassizismus und die Motive der alten Meister zeugen.

Als kleiner Junge sammelte der im urnerischen Seelisberg geborene Ledergerber Knochen. Mit zwölf schnitzte er mit dem Sackmesser seine erste Figur, einen Orca, den ihm ein Verwandter inzwischen wieder zurückgeschenkt hat. «Je mehr Raum ich meinen Interessen gebe, desto mehr kehre ich wieder dorthin zurück, wo ich als kleiner Junge mal angefangen habe», sagt er und meint damit diesen Naturforschertrieb. Das Bewusstsein dafür, dass die Dinge in der Welt irgendwie doch recht lose verklammert sind und dass jede Form einem permanenten Zersetzungs- und Aufbauprozess ausgesetzt ist, faszinierte den Künstler schon früh.

In seinem Atelier liegen deshalb neben Tierknochen auch von Autoreifen platt gewalzte Bierdosen, Tannenzapfen, Vogelfedern, Marderfelle, angeschwemmte Muscheln aus dem Zürichsee und sogar zwei abgeformte Schimpansentatzen aus dem Basler Zoo. Ein in Spiritus eingelegter Fliegenpilz hat sein sattes Rot an die Flüssigkeit abgegeben. Eine von der Strasse aufgelesene Mandarinenschale hat Simon Ledergerber in einen Gipsabdruck verwandelt, der schon fast ornamentale Qualitäten besitzt.

Dass die Feuchtigkeit im Atelier ein Milieu der Zersetzung schafft, dass das darin lebende Tierreich eine Art Co-Autorschaft mit ihm eingeht – auf einer Russzeichnung haben Insekten Fussspuren hinterlassen –, entspricht Ledergerbers Kunstverständnis. Als er seine Bodenskulptur «Still in Eile versunken» für die Jahresausstellung ins Kunstmuseum Luzern brachte – er gewann mit ihr letztes Jahr den Ausstellungspreis der Kunstgesellschaft Luzern –, verfärbte der Rost sich während des Transports. «Ich war zunächst beunruhigt, realisierte dann aber, dass ich wie schon früher an absoluten Vorstellungen festhielt, die es gar nicht gibt.» Gewöhnlich ist Ledergerber von dieser sta­tischen Denkweise befreit. Für einige Zeichnungen experimentierte er ohne Zuhilfenahme ei­-nes Pinsels mit Gerbstoffen aus Brennnesseltee und Eichenholz, mit Leinöl und in Stückchen geschnittenem Stahl, der auf Papier in einer Wasser-Essig-Lösung zu rosten beginnt. Produkte des Zufalls seien diese Bilder dennoch nicht. «Über das Experimentieren mit den Substanzen lernst du, eine gewisse Form zu erzielen», sagt er.

Ein Marmorbrocken fürs Gotthardmassiv

Öffentlich auf sich aufmerksam gemacht hat Ledergerber mit seinem «Gigantischen Kleinod». Eine Arbeit, die er 2016 in einem ehemaligen Reduit, der heutigen Fondazione Sasso San Gottardo, ausgestellt hatte. Der Quader aus Carrara-Marmor, der sich, auf einer Stele schwebend, lückenlos in einer Tunneldecke ins Gotthardmassiv einschmiegte, als sei das fremde Gestein dort gerade herausgebrochen worden, mag mit dazu beigetragen haben, dass ihm sein Heimatkanton Uri letztes Jahr einen Förderpreis verliehen hat.

Zum Abschied zeigt Ledergerber seinem Besuch einen Freskenzyklus aus dem Jahr 1923 des Bieler Malers Philippe Robert (1881–1930) im Wartesaal des Bieler Bahnhofs. Auch wegen der Titel «Stundentanz», «Jahreszeiten», «Lebensstufen» und «Zeit und Ewigkeit», die Ledergerbers zyklischer Denkweise sehr nahe stehen – für seine Abschlussarbeit als Bildhauer modellierte er die Personifikation des Äons, des griechischen Begriffs für Ewigkeit und Lebenszeit.

Roberts Fresken füllen den kleinen Wartesaal komplett aus, was Ledergerber auf Ideen bringt: «Gerne würde ich mal einen Raum mit Erde füllen und die Erde so lange drin saften lassen, bis sie die Wände färbt.» An der Kabinettausstellung im Kunstmuseum Luzern im nächsten Herbst böte sich dazu eine ausgezeichnete Gelegenheit.

Hinweis

Ausstellungen: Centre Pasquart, Biel (bis 14. 2.); R57, Zürich (ab 9. 3.), Kunsthalle Arbon (ab 2. 6.); Kunstmuseum Luzern (ab 16. 11.).

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