Choreografien machen süchtig

KINO ⋅ Der weltberühmte ­Choreograf Ohad Naharin hat mit «Gaga» seine eigene ­Bewe- gungssprache ­entwickelt. Das Porträt ­«Mr. Gaga» gräbt tief.

Tanzen ist Knochenarbeit. Bei Ohad Naharin lernen die Tänzer, in sich zusammenzusacken, ohne dass man ihre Angst vor dem Aufprall sieht. Sie lernen, auf ihren Körper zu hören, bevor sie eine Bewegung ausführen. Die Seele ist wichtiger als der Kopf. Loslassen und Kontrolle. «Gaga» heisst die Bewegungssprache des weltberühmten israelischen Choreografen, und ihm ist der Dokumentarfilm «Mr. Gaga» von Tomer Heymann («Paper Dolls») gewidmet.

Grosse Nähe zum Protagonisten

Das mag ein bisschen esoterisch klingen. Wer damit nichts anfangen kann, sollte trotzdem weiterlesen. Gaga ist weder der Protagonist noch der Film. Naharin soll es müde gewesen sein, seine Kunst ständig «my movement language» zu nennen. Seiner Mutter zufolge war «gaga» sein erstes gesprochenes Wort. Und darum geht es hier, um Kunst.

Der Film entstand aus einer klaren Bewunderung für Ohad Naharin. Filmemacher Tomer Heymann beschreibt Naharins Choreografien, mit denen er sich seit mehr als zwanzig Jahren beschäftigt, als «einen unglaublichen Cocktail aus Alkohol und Drogen, aber eben ohne Alkohol und Drogen. Eine ununterbrochene Folge an Bewegung, Musik, Energie, Sexualität, Sinnlichkeit und Tänzern, in die man sich verliebt, ohne zu wissen warum».

Davon kann sich der Zuschauer selbst überzeugen und erliegt auch einer grossen Faszination für Naharins Arbeitsweise – ohne sich zwangsläufig mit Tanz beschäftigen zu müssen. Und man meint zu verstehen, wie diese unglaubliche Wirkung zu Stande kommt. Überhaupt, und das ist der grosse Verdienst dieses Films, wird Ohad Naharin nicht nur als Tänzer und Choreograf, sondern als Mensch fassbar. Es ist klar, dass eine solche Nähe nur durch ein tiefes Vertrauen zwischen Filmemacher und Protagonist ermöglicht wird. Als Naharin einmal seine anfängliche Skepsis überwunden hatte, hat er sich total geöffnet und der Darstellung seiner Kunst durch eine andere Kunst den Weg geebnet. Heymann hatte Zugriff zu sämtlichen Archiven – von Naharins Kindheit im Kibbuz über die verschiedenen Stationen seiner Tanzkarriere bis hin zu seiner Arbeit als künstlerischer Leiter der israelischen Batsheva Dance Company.

Sprengt die Grenzen der Tanzwelt

«Mr. Gaga» folgt nicht einer strengen Chronologie, sondern verfährt eher assoziativ mit der Fülle an Material – mit Ohad Naharin als persönlichem Erzähler aus dem Off. Dahinter versteckt sich die ausgezeichnete Arbeit der drei Cutter.

Der Film reicht tief hinein ins Zwischenmenschliche und auch ins Politische – Naharin engagiert sich für ein Ende der israelischen Besatzung – und sprengt damit die Grenzen der Tanzwelt.•••••

«Mr. Gaga» läuft im Stattkino (Luzern) und ­ ab 20. September im Kino Gotthard (Zug).


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