Düsterer «Tatort»: Vom freiwilligen und vom unfreiwilligen Tod

LUZERN ⋅ Es ist normal, wenn am Ende eines Krimis ein paar Leute weniger mitspielen als am Anfang. Doch im jüngsten Luzerner «Tatort» geht es in Sachen Sterben um weit mehr als um Mord und Totschlag. «Freitod» spielt im heftig umstrittenen Milieu der Sterbehilfe.

«Kannst du dir vorstellen, mal zu einer Sterbeorganisation zu gehen?», fragt Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) ihren Kollegen Reto Flückiger (Stefan Gubser) in einer Szene. Dieser, in Gedanken ganz bei Freundin Evelyn, antwortet: «Weiss' ich nicht, im Moment habe ich gar keine Lust zu sterben.»

2015 haben die beiden grossen Schweizer Sterbehilfeorganisationen nach eigenen Angaben mehr als 1200 Menschen in den Tod begleitet – rund 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Und 2016 dürfte es einen weiteren Anstieg geben. Das Thema ist hochemotional und wird kontrovers diskutiert. Regisseurin Sabine Boss («Der Goalie bin ig») vermeidet einseitige Positionen.

Schwerstkranke, die nicht mehr leiden wollen, kommen in ihrem «Tatort» ebenso zu Wort wie überzeugte Suizidgegner. Und auf beiden Seiten werden im Krimi Licht und Schatten gezeigt. Der Chef der Sterbehilfeorganisation mit dem fiktiven Namen «Transitus» ist offenkundig sehr am Geldverdienen interessiert und leistet sich eine Luxusjacht. Der Gegenspieler bei der religiösen Organisation Pro Vita ist ein Heuchler, der einer Mitarbeiterin ein Kind macht und von ihr die Abtreibung verlangt.

Viele Verdächtige

Das erste Mordopfer ist die «Transitus»-Sterbehelferin Helen Mathys (Ruth Schwegler). Kurz nachdem sie einer schwerstkranken Deutschen ein Fläschchen «Natrium-Pentobarbital, Dosis letalis» gereicht hat, wird Mathys niedergeschlagen und mit einem Plastiksack erstickt.

War es Martin Aichinger, der Sohn der Deutschen, der seiner Schwester vorwirft, die Mutter wegen der Erbschaft zum Dahinscheiden gedrängt zu haben? Rasch wird der geistig verwirrte junge Mann - eindrucksvoll gespielt von Martin Butzke - zum Hauptverdächtigen.

Doch auch andere könnten ein Motiv haben. Wie sich herausstellt, hatte der «Transitus»-Manager Dr. Hermann (Andreas Matti) einst ein Verhältnis mit Mathys und wurde von ihr verlassen. War es Eifersucht? Ebenso verdächtig der eitle «Pro Vita»-Chef Josef Thommen (Martin Rapold). Er musste fürchten, dass Mathys mit ihrem Wissen um die Schwangerschaft seiner Geliebten an die Öffentlichkeit geht.

Hohe Sterberate, wenig Privates

Doch dann wird eine weitere Frau, die scheinbar nichts mit der Sterbehilfe zu tun hat, auf dieselbe Art ermordet. Die entscheidende Wende rückt näher, der Krimi nimmt nun Fahrt auf. Kurz bevor das dritte Mordopfer unter einem Plastiksack erstickt, kennen wir die Täterin.

Am Ende weist die Bilanz neben dem einen freiwilligen Tod am Anfang drei brutale Morde sowie acht ebenfalls unfreiwillige Tode auf, von denen die Ermittler allerdings nur aus den Akten eines Krankenhauses erfahren. «Freitod» ist sicher ein geeigneter Titel für diesen ebenso düsteren wie mutigen Krimi. «Todesengel» würde auch passen, aber vielleicht zu viel vorwegnehmen.

Nach all dem Sterben ist man am Ende froh, dass sich der Kommissar aufmacht zu einer sehr lebensbejahenden Tätigkeit. Schade nur, dass man seine Freundin Evelyn nicht zu Gesicht bekommt. Noch nicht. Und vielleicht trauen sich die Macher des nächsten Schweizer «Tatort», den Kommissaren wieder etwas mehr als nur ein paar Dialoge zu widmen.

sda

HINWEIS
«Tatort – Freitod», Sonntag, 18. September, 20:05 Uhr, SRF1

Am Samstag fanden bei einem Spielplatz in der Luzerner Neustadt Dreharbeiten zum «Tatort – Freitod» statt.

Der 11. Luzerner Tatort wird von Sabine Boss inszeniert. Stefan Gubser und Sabine Boss äussern sich zum Thema «Freitod». (kath.ch, 14.09.2016)


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