Ein Western für alle

FRAME-FILMTIPP ⋅ Weiss und männlich sei Hollywood, wird gern kritisiert. Doch die Studios setzen dank der Kraft des freien Marktes vermehrt auf Diversität – wie in «The Magnificent Seven».

Kein anderes Genre steht so für das alte Hollywood wie der Western. Sein Held ist ein weisser heterosexueller Mann, der mit der Waffe für Ruhe und Ordnung sorgt und nicht selten Minoritäten wie Indianer oder Mexikaner über den Haufen schiesst. Frauen kommen darin nur als verängstigte Mütter oder als freche Huren vor. Sein Publikum ist männlich, und seine Stars gelten als konservative Saftwurzeln. John Wayne, Ronald Reagan, Clint Eastwood – alles Republikaner!

Wer das so sieht, hat wenig vom Western begriffen. Obwohl dessen Dramaturgie Konventionen gehorcht – Bösewicht terrorisiert christliches Kaff, Held von aussen räumt auf und reitet am Ende durch die Main Street dem Horizont entgegen –, ist der Western seit je ein Genre, das offen für neue Einflüsse ist und den Zeitgeist spiegelt. Die frühen Western der 1910er Jahre feierten hemmungslos Anarchie, dann kam in den konformistischen 1950ern die konservative Wende mit John Wayne, ehe der Spät-Western zur Zeit des Vietnamkrieges gegenkulturell gedeutet wurde: Sam Peckinpahs «The Wild Bunch» (1969) feierten die 68er als Abgesang auf den unmoralischen Krieg. Und die schwulen Cowboys in «Brokeback Mountain» (2005) des Taiwaners Ang Lee bewiesen, dass Homosexualität im Film kein Kassengift ist.

Nun kommt mit «The Magnificent Seven» ein Western ins Kino, der weit mehr ist als der Neuaufguss eines Klassikers, wobei bereits das gleichnamige Original von John Sturges aus dem Jahr 1960 eine Adaption von Akira Kurosawas «Die sieben Samurai» (1954) war. Der afroamerikanische Regisseur Antoine Fuqua («Training Day») hievt das vermeintlich verstaubte Genre auf die Höhe der Zeit, indem er den Stoff als Superhelden-Movie inszeniert. Sturges’ Klassiker bot Starkino, das vom nuancierten Spiel der Charakterdarsteller wie Yul Brynner und Steve McQueen lebte. Im Zentrum stand der Mensch.

In Fuquas Film stehen nicht die Menschen, sondern ihre Kampfkunst im Vordergrund. Da sind zum Beispiel der Asiat Billy (Byung-hun Lee), ein begnadeter Messerwerfer, und der Weisse Josh (Chris Pratt), der mit Kartentricks seine Gegner abzulenken vermag. Bis sie und ihre Mitstreiter mit ihren Fähigkeiten eingeführt sind, verstreicht beinahe eine Stunde, was dem ersten Teil den Charakter eines überlangen Präludiums verleiht. Dieses ist zwar visuell spektakulär, provoziert aber die Frage: Worum geht es eigentlich? – eine Frage, die man sich auch bei Superhelden-Abenteuern wie den «Avengers»-Filmen öfter stellt.

Im Unterschied zu klassischen Western gibt es bei Fuqua keinen überlegenen Protagonisten. Zwar zeichnet er den Kopfgeldjäger Sam (Denzel Washington) als Anführer der Glorreichen Sieben, welche das Kaff Rose Creek von der Tyrannei eines Industriellen (Peter Sarsgaard) befreien, aber er hat nicht viel mehr Leinwandpräsenz als seine Kombattanten. Das ist denn auch die nachhaltigste Änderung, welche die Superhelden-Movies dem Hollywoodkino beschert haben: eine Abkehr vom ein Jahrhundert alten heldenzentrierten Erzählen, das in der Reagan-Ära (1981–1989) regelrecht zementiert wurde. Damals, als der US-Präsident den Individualisten anbetete, gab es im Mainstream-Kino nur den einen Helden, der oft im Titel stand: Rocky, Rambo, Terminator oder Mad Max zum Beispiel.

Die Blockbuster der Obama-Ära, in welcher der erste schwarze Präsident der USA gerne das «wir» betonte, leben hingegen von Ensembles und Titelhelden im Plural: «The Avengers», «X-Men» und «Guardians of the Galaxy» etwa. Sie bereiten nicht nur den Marketing-Abteilungen der Studios Kopfschmerzen (wen soll man gross auf dem Poster zeigen?), sondern fordern auch die Oscar-Academy heraus: Wer ist bei Filmen wie «The Magnificent Seven» eigentlich der Hauptdarsteller, wer der Nebendarsteller?

Der Aufstieg der Superhelden rührt unter anderem daher, dass Hollywood dem Kinopublikum mehr bieten will als Fernsehserien: mehr Figuren, mehr Stars, mehr Action. Das hat nicht nur dazu geführt, dass die Filme länger werden (die meisten Blockbuster dauern heute weit über 2 Stunden), sie sind auch ethnisch vielfältiger als früher. Eine Analyse der Firma Graphiq hat gezeigt, dass Superhelden-Filme als Katalysator für Diversität in Hollywood fungieren. Bei «Suicide Squad» etwa wurden 42 Prozent aller Rollen Vertretern ethnischer Minderheiten anvertraut.

Ähnlich wie die mittelalterliche Fantasy-Literatur eines Ariosto («Orlando Furioso») leben Superhelden-Filme von Figuren, die unterschiedlich aussehen und unterschiedliche Talente haben. Fuqua hat dem Rechnung getragen, indem er seine Glorreichen Sieben aus einem Schwarzen, einem Mexikaner, einem Asiaten, einem Indianer und «nur» drei Weissen zusammenstellte. Damit verleiht er seinem Multikulti-Western eine politische Dimension, die heute, da Präsidentschaftskandidat Trump gegen Nicht-Weisse vom Leder zieht, brisant ist: Wenn wir Minoritäten integrieren und alle zusammenhalten, sind wir stärker. Bei der Weltpremiere in Toronto erklärten Regisseur und Hauptdarsteller allerdings, ihr Western sei kein Plädoyer für mehr Diversität. Sie hätten bloss einen Film machen wollen, der den Geldgebern einen Profit beschere. Oder in den Worten von Ethan Hawke: «Jedermann wird für Vielfalt sein, wenn man damit tonnenweise Geld verdienen kann.»

Es braucht also keine Quoten für Minderheiten, wie viele glauben, der freie Markt regelt im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage die Verhältnisse von alleine. Bei der Besetzung des über 100 Millionen Dollar teuren «The Magnificent Seven» spielte monetäres Kalkül jedenfalls eine zentrale Rolle: Mit Denzel Washington will das Studio MGM in den USA die wenig Western-affinen Afroamerikaner ansprechen, der aus mexikanischen Telenovelas bekannte Manuel Garcia-Rulfo dient in Lateinamerika als Publikumsmagnet, und der südkoreanische Star Byung-hun Lee fungiert in den asiatischen Boom-Märkten als Aushängeschild.

Und die Frauen? Sie gehören nicht in die Riege der Glorreichen Sieben. Noch nicht. Immerhin, die Entscheidung im neuen, soliden «The Magnificent Seven» führt eine Frau herbei, die – ein dramaturgischer Murks – am Ende aus dem Off die Moral verkünden darf. Wetten, dass schon bald ein Western kommt, in dem Frauen am Schiesseisen Männer das Fürchten lehren?

Christian Jungen

Western-Remake von Antoine Fuqua. Kinostart: 22. September 2016. (Tel-A-Vision, 06.09.2016)


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