Indische Story rührt zu Tränen

ZÜRICH ⋅ Mit einiger Prominenz wurde gestern das Film Festival eröffnet. Wobei die ganz grossen Stars noch kommen sollen. Als Eröffnungsfilm war das emotionale Drama «Lion» zu sehen.

Dieses Jahr ist Dev Patel nicht mit nach Zürich gekommen. Der britische Schauspieler, berühmt geworden durch «Slumdog Millionaire», spielte auch letztes Jahr eine Hauptrolle im Eröffnungsfilm am Zurich Film Festival, in «The Man Who Knew Infinity».

Nach dem indischen Mathematikgenie verkörpert er diesmal in «Lion» den 30-jährigen Saroo, der als Fünfjähriger von einem Ehepaar in Australien adoptiert wurde. Nun versucht er mittels Google Earth seine leibliche Familie in Indien zu finden.

Eine Story wie geschaffen fürs Kino

Es ist eine emotionale, auf Tatsachen beruhende Geschichte, die der australische Fernsehregisseur Garth Davis in seinem Kinodebüt inszeniert. Der fünfjährige Saroo schläft in einem Zugabteil ein und rattert darauf im menschenleeren Zug hilflos mehrere Tage quer durch Indien nach Kalkutta, fern von seiner geliebten Mutter und den Geschwistern.

Weil er weder seine Heimat noch seinen Familiennamen nennen kann, landet der Bub in einem Waisenheim und schliesslich in Australien. Die fürsorglichen Adoptiveltern (Nicole Kidman und David Wenham) lassen ihn seine Kindheit lange vergessen, doch als die Erinnerung wieder wach wird, unternimmt Saroo das Unmögliche: seine Familie zu finden.

Die dramatische Story, die auf dem Buch «Mein langer Weg nach Hause» beruht, ist wie geschaffen fürs Kino. Insbesondere das erste Drittel, das die Kindheit Saroos schildert, ist packend inszeniert und lebt vom eindringlichen Kinderdarsteller Sunny Pawar. Die mehrjährige Suche auf dem Computer nach der verlorenen Heimat ist dann freilich weniger dramatisch. Und Rooney Mara hat die undankbare Rolle, die Freundin zu spielen.

Doch gelingen Garth Davis immer wieder einfühlsame und berührende Szenen, welche die Situation des jungen Mannes, gespalten zwischen zwei Familien und Kulturen, zum Ausdruck bringen. Und die Cinemascope-Bilder aus der Vogelperspektive spielen attraktiv mit den Parallelen und Unterschieden zwischen Indien und Australien.

Oscar-Chancen für Harvey Weinstein

US-Produzent Harvey Weinstein (siehe Text rechts), der nicht das erste Mal in Zürich über den grünen Teppich geht, hat mit «Lion» nach einer Durststrecke wieder mal einen Spielfilm im Köcher, dem Chancen im bevorstehenden Oscar-Rennen eingeräumt werden. An der Premiere am Filmfestival in Toronto soll es am Ende minutenlange Standing Ovations gegeben haben. Das verwundert nicht, wird doch überzeugend ein Kinderschicksal mit Happy End inszeniert, das zu Tränen rührt. Dafür hätte es gar nicht der aufdringlichen, gefühlsseligen Filmmusik bedurft. So dürfte es auch unter der zahlreichen Schweizer Prominenz aus Kultur, Politik und Wirtschaft im Kino Corso manche gegeben haben, die an der Europapremiere von «Lion» im Dunkeln zum Taschentuch gegriffen haben.

Apropos Prominenz: Die ganz grossen Stars werden erst in den folgenden Tagen nach Zürich kommen: Angekündigt sind etwa Hugh Grant, der den Golden Icon Award erhält, Ewan McGregor, Daniel Radcliffe oder Woody Harrelson. Und Regisseur Oliver Stone, der seinen neuen Film «Snowden» vorstellen wird, reist heuer bereits zum vierten Mal an.

Andreas Stock, Zürichkultur@luzernerzeitung.ch


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