Opernarien mit der Lizenz zum Lachen

ZÜRICH ⋅ Das Opernhaus hat seine Saison eröffnet. Ein rasanter «Freischütz» in Grell-Pastell bietet viel Komik. Doch das Lachen bleibt einem zuweilen im Hals stecken.

Anna Kardos
kultur@luzernerzeitung.ch

Wie viel Klamauk hat in einer einzelnen Oper Platz? Wenns nach Starregisseur Herbert Fritsch geht: viel, sehr viel. Zur Saisoneröffnung des Opernhauses inszenierte er Carl Maria von Webers «Freischütz» als kunter­bunte Moritat, als Bänkelgesang reloaded, als Slapstick.

Grobschlächtig stehen sie auf der Bühne, die Bewohner des Alpendorfes, und haben sich ordentlich «aufgerüscht» – ein Fasnachtsumzug würde daneben geradezu karg aussehen.

Ein Mann ist, wer schiessen kann

Doch so farbenfroh die Einheimischen sind, bei den Dorfregeln kennen sie keinen Spass. Die lauten: Ein Mann ist, wer schiessen kann. Und König, wer das längste Rohr hat, mit dem er am durchschlagendsten hantiert. Man versteht die Doppeldeutigkeit ...

Mitten im bunten Volk steht der Jüngling Max (mit viel Strahlkraft: Christopher Ventris). Und Max ist schwer verliebt. Dass er leider weder Sieger- noch Schiessertyp ist, verraten seine schlotternden Knie wie auch die Stirnlocke, die schon Comicfigur Tintin zum ewigen Kind stempelte. Aber es kommt noch schlimmer: Max muss einen Probeschuss abgeben. Und treffen. Sonst kriegt er Agathe nie zur Ehefrau.

Das Schlamassel ist perfekt – und die ideale Ausgangslage für eine romantische Oper mitsamt Liebesfreud und Liebesleid, mit Teufelsbeschwörung, düsteren Vorahnungen und spukenden Ahnen. Als solche hatte Carl Maria von Weber zumindest seinen an Gefühlen überreichen «Freischütz» einst komponiert.

Von himmelhoch jauchzender Liebe bis hin zu beschaulichen Alpenmelodien, vom Jägerchor bis unheimlich aufbrausenden Klangmassen vereint das Werk unterschiedlichste musikalische Welten, die Dirigent Marc Albrecht und die Philharmonia Zürich gekonnt umsetzen. So lieblich tönten die urtümlichen Alpenmelodien noch selten, auch an den teuflisch gelungenen Läufen der Streicher hat Mephisto persönlich seine Freude (verkörpert vom umwerfenden Energiebündel Florian Anderer). Und dass Komponist Weber seinen Jägerchor einst ganz eigentlich zum Jodeln brachte, wird in dieser Interpretation ohrenfällig.

Nur die romantische Überhöhung gerät an diesem Abend in Schieflage. Schuld daran ist, dass Regisseur Fritsch die gänzlich verschiedenen Welten des «Freischütz» am liebsten gleichzeitig ablaufen lässt.

Naiver Auftritt und edler Gesang

Also wird Mephisto durch Slapstickeinlagen entgruselt, Maxens Liebe scheint immer ein wenig «Holderio» zu jodeln, und ebenso würden Agathes Auftritte naiv, wie ein Mix aus Frida Kahlo und einem bunten Bauerngemälde, wirken, wenn Lise Davidsen als Agathe nicht mit der edlen und tragenden Grandezza einer Kö­nigin der Nacht sänge. Wie gut, dass sie das unbeschwerte Ännchen zur Freundin hat – das von Mélissa Petit mit behänder und unglaublich beweglicher Stimme gesungen wird. Kaspar (Christof Fischesser) überzeugt mit dramatischem Ausdruck und Fürst Ottokar (Oliver Widmer) auch mit komödiantischem Talent.

Puristen mochte es irritieren, dass Musik und Inszenierung an diesem Abend auf unterschiedlichen Flughöhen unterwegs waren. Immerhin hat man es hier nicht mit einem Kabarett, sondern mit der hehren Oper zu tun.

Aber Regisseur Herbert Fritsch weiss es gerne selber am besten. Deshalb ist sein Klamauk stets höherer Nonsens – indem er über sich hinausweist (und erst noch aus dem Sänger-Ensemble ein veritables Schauspiel-Ensemble macht). Im Kern spiegelt die Inszenierung nichts weniger als das Panorama menschlicher Beziehungen, seien diese nun gesellschaftlich, familiär oder liebestechnisch motiviert.

Dass sie das mit einem Zerrspiegel tut, läuft unter dem Stichwort «künstlerische Freiheit». Und vor allem bietet eine romantische Oper mit gut durchgeschütteltem Zwerchfell schlicht die bessere Unterhaltung.


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