Vom Konflikt zwischen Mensch und Natur

KINO ⋅ «La tortue rouge», die rote Schildkröte, ist eine minimalistische Robinson-Crusoe-Fabel ­von fast meditativer Qualität. In Cannes wurde er mit dem Spezialpreis «Un Certain Regard» ausgezeichnet.

Ein Mann strandet auf einer einsamen Insel. Man weiss nicht, warum, und auch nicht, wer er ist. Zunächst versucht er, sich mit einem aus Bambus gezimmerten Floss aus seiner verzweifelten Lage zu befreien. Doch jeder Versuch scheitert, weil etwas im Wasser, das er nicht sehen kann, ihm jedes Mal sein Gefährt ­zerstört.

Schliesslich findet er sich damit ab, auf der Insel leben zu müssen. Als eine riesige rote Schildkröte an seinem Platz strandet, dreht der immer noch gereizte Mann das Tier auf den Rücken. Eines Morgens, vielleicht war die Schildkröte tot, vielleicht noch nicht, findet er sie auf ganz seltsame Weise verwandelt.

Der Animationsfilm des niederländisch-britischen Illustrators und Animators Michael Dudok de Wit erzählt in einfachen, wunderschönen Bildern und mit einlullenden Geräuschen und Musik die Geschichte eines Mannes und einer mysteriösen Frau. Es ist eine minimalistische Robinson-Crusoe-Fabel, eine Reflexion über die Zyklen des Lebens, über die Gewalt und Schönheit der Natur, über das fragile Glück des Menschen in einem ebenso fragilen Paradies.

Keine Dialoge, dafür ­ ganz viel Symbolik

Der Film ist von beinahe meditativer Qualität und kommt ohne Dialoge aus, dafür gibt es ganz viel Symbolik, die sich auf Geburt, Leben und Tod bezieht. Zum Beispiel am Anfang, als der Protagonist in eine Höhle stürzt und durch einen engen Kanal hinaus in die Freiheit schwimmen muss.

Der Film ist in Koproduktion mit dem japanischen Ghibli-Studio entstanden, dessen Einfluss man auch deutlich spürt: «La tortue rouge» hat zwar eine eigene Handschrift, lebt aber, wie die Filme von Hayao Miyazaki und Isao Takahata («Prinzessin Mononoke», «Mein Nachbar Totoro»), von Melancholie und einem manchmal verstörenden Naturmystizismus. Wie seine Vorbilder erzählt auch dieser Animationsfilm vom Konflikt zwischen Mensch und Natur, obwohl der Mensch doch Teil derselben wäre.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

Denise Bucher
kultur@luzernerzeitung.ch

Diese Filmkritik stammt von «Frame», der grössten deutschsprachigen Filmzeitschrift: www.frame.ch.

 

Animationsfilm von Michael Dudok de Wit. Kinostart: 22. September 2016. (cineman.ch, 21.09.2016)


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