«Wir bringen immer spezielle Elemente rein»

MÄRLI-BIINI STANS ⋅ Mit «Hänsel und Gretel» bringt die Märli-Biini Stans einen Grimm-Klassiker auf die Bühne. Doch die Zuschauer können sich auf neue Einfälle des Regisseurs Beppi Baggenstos freuen.

Seit 1989 zeigt der Verein ­Märli-Biini Stans jährlich (mit einer Ausnahme) im Herbst aufwendige Märchenproduktionen und hat damit grossen Erfolg. «Wir sind innovativ und manchmal auch ein wenig verrückt. Wir haben gute Ideen und ein tolles Künstlerteam, das für ein Laien­theater einzigartige Kostüme, Masken und Bühnenkonzepte schafft», beschreibt Adi Murer, Produktionsleiter der Märli-Biini Stans, den Erfolg der Märchenenthusiasten.

Ab Mitte Oktober seien die Vorstellungen immer ausverkauft, vorher gebe es noch Tickets. «Der Erfolg ist schön, doch es erhöht auch den Druck, extern und intern. Wir erwarten viel von uns selber», betont Adi Murer. Eine grosse Herausforderung sei auch, mit den Stücken sowohl den Erwachsenen wie auch den Kindern gerecht zu werden. «Nur 40 Prozent unserer Zuschauer sind Kinder. Sie lassen sich durch Kos­tüme und Bühnenbild beeindrucken. Doch die Erwachsenen möchten mehr Fleisch am Knochen, mehr Tiefgang», so Murer.

Stets nah am Original, aber ...

In diesem Jahr zeigt die Märli-Biini Stans den Grimm-Klassiker «Hänsel und Gretel». «Regisseur Beppi ­Baggenstos war so begeistert von ‹Hänsel und Gretel›, da ist der Funke sofort auf uns übergesprungen», erzählt der Produktionsleiter. Mit einem Märchenklassiker wie diesem geht die Märli-Biini aber natürlich ein Risiko ein: Schauen sich die Leute ein Märchen an, das jeder kennt? «Das war schon 1999 so, als wir ‹Schneewittchen› aufführten. Wir bleiben zwar stets nah am Original, doch wir bringen immer auch spezielle Elemente rein», betont Murer.

So auch dieses Jahr. Während im Original die Eltern ihre Kinder aus Armut aussetzen, ergreifen in der Version der Märli-Biini die Kinder selber die Initiative. «Die Ursprungsform kam für mich nicht in Frage. Ich habe die Familie ins Zentrum gestellt, die gemeinsam versucht, ein Problem zu lösen», sagt Beppi Baggenstos. «Die Eltern lieben ihre Kinder und sorgen sich um sie. Die Moral der Geschichte ist, dass das Gute gewinnt und dass man miteinander schwierige Situationen bewältigen kann», erzählt Murer. Ausserdem hat Regisseur Baggenstos neue Figuren eingeführt, die den Geschwistern im Wald helfen. «Wir brauchen im Leben Familie und Freunde», so Adi Murer.

Der Regie nichts aufzwingen

Auch die Märli-Biini Stans braucht Unterstützung. «Zurzeit fehlt uns ein Vorstandsmitglied. Es ist wohl bei allen Vereinen ähnlich. Sobald jemand das Wort ‹Vorstand› in den Mund nimmt, wirds schwierig», sagt Adi Murer lachend. Doch er ist zuversichtlich, dass an der nächsten Generalversammlung der Vorstand wieder vollzählig sein wird.

Nicht nur im Vorstand gab es Wechsel. «Wir haben neu auch ein Gremium geschaffen, das dem Vorstand bei der Auswahl der Märchen hilft. Man liest die verschiedenen Stücke und erstellt eine Art Nachschlagewerk für den Vorstand. Doch der Schlussentscheid wird bei der Produktionsleitung und dem Regisseur bleiben», so Murer. Denn man wolle dem Regisseur nichts aufzwingen, sondern im Dialog Entscheide fällen.

Eintauchen in eigene Welt

Man könnte meinen, dass die Produktion des Märchens dieses Jahr mit unterbesetztem Vorstand schwieriger zu realisieren war. Dazu der Produktionsleiter: «Beppi Baggenstos ist mit enorm viel Begeisterung dabei. Er ist quasi wie ein Generalunternehmer. Er hat den Text gemacht, das Bühnenbild, die Regie. Das Stück war in seiner künstlerischen Obhut. So hatten wir weniger zu tun als in anderen Jahren», schwärmt er. Der Austausch zwischen Produktionsleitung und Regie habe sehr gut funktioniert. ­Beppi Baggenstos habe denn auch bereits den Wunsch geäussert, wieder ein Stück für die Märli-Biini zu inszenieren. «Wir wechseln bewusst die Regie von Jahr zu Jahr. Damit haben wir bezüglich Vorausplanung gute Erfahrungen gemacht», sagt der Produktionsleiter. Die Wahl für das nächste Jahr ist bezüglich Regie und Stück bereits gefällt, doch verraten will Adi Murer noch nichts.

Dafür verrät er, dass er selber gerne wieder einmal ein orientalisches oder auch ein russisches Märchen auf der Märli-Biini sehen würde. «Mit Märchen taucht man in eine eigene Welt ein. Das merken wir auch während der Proben. Egal, wie schön etwa das Wetter draussen ist. Wir sind drinnen völlig in unserer Fantasiewelt. Das geniesse ich.»

Natalie Ehrenzweig

Das Märchen «Hänsel und Gretel», vielfach rezipiert und rezykliert

Schon die erste Auflage der Sammlung «Kinder- und Hausmärchen», welche die Brüder Grimm 1812 herausgaben, beinhaltet das Märchen «Hänsel und Gretel». Diese Fassung erzählt die Geschichte einer armen Holzfällerfamilie. Weil die Not so gross ist, werden die Kinder im Wald ausgesetzt. Dort werden sie von einer Hexe gefangen genommen. Die Kinder aber überlisten sie, schieben die Hexe in den Ofen, nehmen deren Schätze an sich und finden schliesslich zurück zum Vater.


Das klassische Grimm-Märchen wurde schon zahlreiche Male verfilmt. Die erste Stummfilmversion gab es schon 1897. Sogar eine südkoreanische Horrorfilmfassung kam 2007 heraus. Die letzte Verfilmung, die sich dem Thema annahm, war «Hansel And Gretel: Witch Hunters» aus dem Jahr 2013.

 

Ausgefallene Verfilmungen

Wie Beppi Baggenstos, der die Geschichte von Hänsel und Gretel angepasst hat, hat auch Regisseur Tommy Wirkola die Handlung des Klassikers arg bearbeitet. Da arbeiten nämlich Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton), nachdem sie die Hexe getötet haben, als Kopfgeldjäger und Hexenkiller. Dabei decken sie ein geplantes Hexenritual auf und machen sich daran, die zu diesem Zweck entführten Kinder zu befreien.


Der Fantasy-Horrorfilm fiel in den amerikanischen Kinos durch, in den deutschsprachigen schnitt er etwas besser ab. In der Schweiz wurden knapp 90 000 Tickets verkauft. «Snow White And The Huntsman», ebenfalls eine ausgefallene Märchenverfilmung aus dem Jahr 2012, erzielte im Vergleich dazu knapp 125 000 Eintritte.

nez


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