Kultureller Tanz zwischen den Welten

KLAVIER ⋅ Sinem Altan ist in der Türkei geboren und hat in Deutschland Musik studiert. Diese zwei Welten verbindet die Komponistin, die in einer Woche am Piano im Pool Festival im Neubad Luzern auftritt, zu einem faszinierenden Universum
07. Oktober 2017, 04:39

Interview: Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Sinem Altan, Sie sind in der Türkei aufgewachsen, kamen aber schon sehr früh als Musikerin nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Ich bin in Ankara in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Ich wurde früh gefördert. Mit elf Jahren dann erhielt ich ein Stipendium für die Musikhochschule Hans Eisler in Berlin. Dort habe ich Komposition und Klavier studiert.

Ein Kulturschock?

Ja, schon. Dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Einerseits war ich sehr jung, traf auf die mir fremde deutsche Kultur. Andererseits war das türkische Umfeld in Berlin nicht unbedingt dasjenige, das ich kannte. Ich freute mich zwar sehr, dass es viele Türken hat. Aber es war nicht der Rahmen, den ich aus meiner grossbürgerlichen Umgebung in Istanbul kannte. Aufgrund des Fremdseins in Deutschland behalten diese Einwanderer ihre «Urkultur» bei. Viele haben auch keine Grossstadterfahrung, stammen vom Land. Es war für mich deshalb quasi eine doppelte Integration notwendig.

Dieses Spannungsfeld widerspiegelt sich in Ihrer Musik?

Ganz eindeutig. Allerdings ist es für mich weniger ein Spannungsfeld. Es geht mir mehr darum, aufzuzeigen, wie viel Gemeinsames, ja Verwandtschaftliches in der westlichen und östlichen Musik vorhanden ist. Themen wie «Ankommen» oder die «Heimat verlassen» sind universell, sie werden überall auf der Welt mit ähnlichen Gefühlen und Gedanken verbunden.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Bei meinen Kompositionen treffen etwa Schubert-Lieder auf anatolische Melodien. Beide haben dieses Klagende, diese Sehnsucht. Vor allem in der «Winterreise» von Schubert ist der Weg zu sich selber, die Einsamkeit, ein wichtiges Thema. Dies findet eine starke Entsprechung in den Steppenliedern aus Anatolien. Auch da dreht sich vieles ums Aufbrechen, um die Verlassenheit in der Fremde. In meiner Bearbeitung von «Der Leiermann» geht der einsame Suchende, der vom Frühling träumt, nahtlos in östliche Akkorde über. Schubert verschmilzt mit anatolischer Musik. Vom Sonnenuntergang zum Sonnenaufgang. In anderen Stücken kann dies aber auch in die andere Richtung gehen. Ich beginne mit einer östlichen Komposition und lande schliesslich bei Brahms.

Musik als Projekt zur Völkerverständigung?

War dies nicht schon immer so? Diese Vermischung aus Ost und West ist in der Geschichte ja immer passiert. Mozart, Beethoven, gar Monteverdi haben sich in den Regionen der aufgehenden Sonne umgeschaut. Der Zusammenhang unserer Kulturräume war und ist sehr stark.

Politisch hat man momentan gar nicht diesen Eindruck.

Natürlich gibt es starke Kontraste, politisch und auch kulturell. Trotzdem sind die gemeinsamen Kräfte mächtig, können die Gegensätze vereint werden. Schlussendlich schöpfen wir alle aus der gleichen Quelle, haben einen grossen Teil der Geschichte ähnlich verbracht.

Sehen Sie Ihre Musik als eine Art Crossover-Projekt?

Es ist mir ganz wichtig, nicht in einer Kategorisierungschublade zu landen. Klassik ist zwar die Grundlage für all meine Experimente. Zu dieser Grundlage kommen Rhythmen und improvisierende Elemente hinzu, wie man sie aus Anatolien, aber auch aus dem Jazz oder dem Tango kennt. Die Songs, die entstehen, sind dann aber sehr eigen und sollen etwas Neues bringen. Sie sind nicht einfach ein Gemisch der verschiedenen Stilrichtungen, ein oberflächliches Darübergehen – eben kein Crossover. Denn die Wurzeln der gewählten Stile gehen nicht verloren, sondern bilden zusammen frische Musik.

Also ein Anspruch auf neue Musik?

Es ist nicht so, dass ich die Musik neu erfinde. Aber Musik muss für mich zukunftsgerichtet sein. Welche Gefühle ruft sie hervor, was bewirkt sie? Nur so kann man die Einschränkungen der Klassik öffnen. Dazu gehören auch nicht vordefinierte Übergänge oder Improvisationen. Ich will auf das Publikum reagieren können.

In Luzern spielen Sie in einem ehemaligen Schwimmbad. Gehört dies auch zu Ihrer Suche nach neuen Wegen?

Für mich steht der Dialog im Vordergrund. Ich habe mit Konzertorten ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Und ich persönlich finde es spannend, auf neue Locations zu reagieren. Wie kann ich meine eigene ästhetische Klangwelt einbringen, wie gehe ich mit der Akustik um. Ich bin dankbar, nicht immer in monumentalen Häusern aufzutreten. Interessante Klangorte kann ich auch für meine weitere Arbeit mitnehmen. Denn sie inspirieren mich.


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