Kunst und Raum im Dialog

ALTDORF ⋅ In einem speziellen Raum in Altdorf, der Kapelle des ehemaligen Fremdenspitals, wird seit 2015 Kunst gezeigt. Derzeit präsentiert Julia Steiner ihre Installation«screening (present spaces)».
16. September 2017, 04:40

Tiziana Bonetti

1437 am nördlichen Dorfeingang errichtet und 1803 nach einem Dorfbrand in «alter Form» wieder erbaut, diente das Fremdenspital mit der dazugehörigen Kapelle über eine Dauer von mehr als drei Jahrhunderten sowohl Einheimischen als auch Durchreisenden als Herberge und Pflegestätte. Seit diese Einrichtung mit dem Bau des Kantonsspitals im Jahr 1872 dieser Funktion enthoben wurde, sind in den beiden imposanten Flügelbauten mit den Treppengiebeln Teile der Gemeindeverwaltung untergebracht. Demgegenüber blieb die von den Flügelbauten flankierte Kapelle ungenutzt.

Seit Herbst 2015 erfüllt das unter Kulturschutz gestellte sakrale Bauwerk jedoch einen neuen Zweck: Im Rahmen der Ausstellungsreihe «Installativ. raum für junge kunst» wird die Kapelle für die Dauer von drei Jahren mit raumgreifenden Arbeiten junger Schweizer Kunstschaffender bespielt. Im Turnus eines halben Jahres konzipiert je ein Künstler oder Künstlerkollektiv eine installative Arbeit, die sich mit den ortsspezifischen Gegebenheiten des Ausstellungsraums auseinandersetzt und ihn dadurch transformiert.

Anlass zu diesem auf installativer Kunst basierenden Konzept der Ausstellungsreihe gaben der Initiantin, Angela Nyffeler, die architektonischen Rahmenbedingungen der Kapelle. Als Ort der Stille und Besinnlichkeit evoziert das abgesehen von einem barocken Altar und zwei Rundgemälden leere Bauwerk mit dem weissen Wandanstrich per se Konnotationen an einen musealen Raum.

Derzeit belebt Julia Steiner (*1982) mit ihren in Metallpaneelen eingespannten Gouache-Malereien auf Seidenstoff die schlichte Kapelle des Urner Hauptortes. Dadurch, dass die Paneele miteinander in räumliche Beziehung treten, entwickeln sich die grossformatigen Male­reien Steiners zu einer raumgreifenden Installation. Schwarz auf Weiss erzeugt die mit stumpfem Pinsel auf dem Bildträger aufgetragene Farbe Strukturen, die an Wolkengebilde oder Marmor erinnern. Hin und wieder meint man in den abstrakten Gebilden architektonische Versatzstücke wie Fenster oder Türen zu er­kennen.

Dynamisches Licht- und Schattenspiel

Aufgrund der transluziden Materialität des Seidenstoffs führt das in den Raum einfallende und auf die Malereien Steiners treffende Tageslicht zu einem dynamischen Licht- und Schattenspiel auf dem Boden und den Wänden der Kapelle. Dadurch produziert die Installation unablässig neue Bilder im Sakralraum. Je nach Blickwinkel eröffnen sich zudem immer wieder andere Perspektiven und Zugänge auf Steiners Arbeit. Mit dem pragmatischen Werktitel «screening (present spaces)» verweist die Künstlerin auf ebendiese Lichtdurchlässigkeit ihrer Arbeit: Ins Deutsche übersetzt kann die Installation entsprechend als Durchleuchten gegenwärtiger Orte verstanden werden.

Während Steiner mit ihrer Installation keinen regelrechten Bruch mit der sakralen Bedeutung der Kapelle beabsichtigt, hat die Künstlerin Sara Masüger (*1978) anlässlich der dritten Ausgabe der Ausstellungsreihe mit ihrer installativen Arbeit der Profanisierung des Raumes Vorschub geleistet. Mittels einer weissgekachelten Wand wurde die vertiefte Rückwand der Kapelle mit dem Altar verdeckt und damit die vormals religiöse Bedeutung des Ortes unterwandert. Farblich kontrastierend platzierte die Künstlerin davor eine in Schwarz gehaltene menschliche Skulptur in der Hocke und mit vorgestreckten Armen, die sich in einer zu ihr gehörenden schwarzen Pfütze mit glänzender Oberfläche spiegelte.

Einen anderen Ansatz verfolgte Jonas Etter (*1981) anlässlich der zweiten Ausgabe der Ausstellungsreihe: Den Raum der Kapelle mit Holzlatten auskleidend, schuf er eine begehbare Bodeninstallation, die den Raum neu erleben liess. Im Rahmen der ersten Ausgabe wiederum, zu der Nyffeler das Künstlerkollektiv, Barbara Signer (*1982) und Michael Bodenmann (*1978), einlud, wurde die Bedeutung des Sakralen durch einen begehbaren Kubus im Raum der Kapelle hervorgehoben. Mit grellem Neonlicht erhellt und musikalisch verstärkt wurde der Kubus sogar selbst zu einem Raum der Andacht.

Die installativen Arbeiten, die aus der bisherigen Auseinandersetzung der Künstler mit der ehemaligen Kapelle des Fremdenspitals resultiert haben, legen eindrücklich dar, wie ein und derselbe Raum je nach Art, wie er bespielt wird, äusserst unterschiedliche Erlebnismomente und Rezeptionsmodi bereithält. Mit ihrer Ausstellungsreihe ist Angela Nyffeler somit ein kuratorisches Konzept gelungen, in welchem Kunst und Raum miteinander in einen Dialog treten; einen Dialog, der je nach künstlerischem Konzept immer wieder anders ausfällt.

Hinweis: Ausstellung Julia Steiner bis 8. Oktober, geöffnet samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr.


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