Lachen – sogar über den Tod

CASINOTHEATER WINTERTHUR ⋅ Mit der TV-Serie «Lüthi und Blanc» ist sie zur Chronistin unseres Lebens geworden. Jetzt nimmt Katja Früh sich die eigene Familie vor – und verpackt das schwere Thema Sterbehilfe in eine Komödie.
20. Juni 2017, 04:39

Rolf App

kultur@luzernerzeitung.ch

Sie schaffte es, zwischen 1999 und 2007 über 288 Folgen hinweg erfolgreich eine TV-Familie mit all ihren Liebschaften und Rivalitäten glaubhaft zu zeichnen. Und dabei Themen wie Homosexualität, Rassismus, Drogenmissbrauch, Prostitution, Zölibat und Inzest aufs Tapet zu bringen.

«Wichtig ist, dass die Figuren echt sind», lautet ihr Credo. In Drehbüchern, Theaterstücken, Hörspielen, Kolumnen lauscht Katja Früh (64) in unseren Alltag hinein. Den eigenen schliesst sie nicht aus. Wie im Stück «Exit retour», das sie im Casinotheater Winterthur inszeniert hat.

Nicht mehr der Tod holt uns, wir bestellen ihn

Es ist eine Sterbehilfekomödie. Mehr noch: Es ist die Geschichte ihrer eigenen Mutter. Die hat mit 88 beschlossen, dass sie nicht mehr leben will, den Sterbehelfer bestellt und die Familie vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihre Tochter hielt sich für aufgeschlossen genug. Doch dann, sagt sie, «machte mir der bevorstehende Tod doch zu schaffen. Allein schon die Tatsache, dass dieser Tod nicht nur ein genaues Datum, sondern sogar eine präzise Uhrzeit hat.» Nicht mehr der Tod ist es, der uns holt, wir bestellen ihn.

Geht das als Komödie? «Aber ja, sicher», sagt Katja Früh. «Gerade das Lachen bringt die Menschen zum Nachdenken.» Doch Komödie ist eine grosse Kunst. Es muss Schlag auf Schlag gehen. Jeder Satz, jedes Wort muss sitzen. Gesten, Tempo, Körpersprache: Auch darauf kommt es an. Und wenn sie selber Regie führt wie hier, dann achtet sie auf all dies.

Auf der Bühne steht Patrick Frey, ihr Partner, bekannt auch als Kabarettist und Verleger. Sie hatte die Idee zu «Exit retour» schon längere Zeit mit sich herumgetragen, ein Filmdrehbuch geschrieben, Schauspieler angefragt und sogar einen Produzenten gefunden – aber von keiner Seite Geld bekommen.

Die Schwierigkeiten des Schauspielerlebens

Das Casinotheater Winterthur interessiert sich dann dafür. Und zusammen mit Patrick Frey hat sie aus dem sehr viel komplexeren Filmdrehbuch ein Kammerstück gemacht.

Auf der Bühne steht auch, als Enkelin der Sterbewilligen, Lisa Maria Bärenbold, Katja Frühs Tochter. Ob die Mutter ihr geraten hat, Schauspielerin zu werden? «Im Gegenteil», sagt Früh. «Ich habe ihr alles ausgemalt, was auf sie zukommt. All die Castings, von denen man wieder nach Hause geschickt wird. All die Schwierigkeiten, eine Anstellung zu finden bei schlechter Bezahlung.» Genützt hat es nichts, Katja Früh weiss warum. «Bei uns sind in der ‹Lüthi und Blanc›-Zeit ständig die Schauspieler ein und aus gegangen. Dem konnte Lisa sich nicht entziehen.»

Sie kann es verstehen, weil sie es selber erlebt hat als Tochter von Filmregisseur Kurt Früh und Schauspielerin Eva Langraf. Die Welt des Theaters ist per Familie in sie eingedrungen. Mehrere Jahre war sie selber Schauspielerin, auch in Deutschland. Heute nicht mehr. Sie hat gespürt, dass ihre Kreativität woanders liegt.

Beim Schweizer Radio kam sie in die Abteilung Hörspiel. «Da bin ich aufgeblüht.» Zum Beispiel mit dem «Memo-Treff», kurzen Stücken, in denen alte Menschen ihren Alltag verhandelten. Da hat sie gelernt, den Menschen aufs Maul und in die Seele zu schauen, aber freundlich. So dass sie am Ende sogar über sich selber herzlich lachen können.

Anzeige: