Landau, übernehmen Sie

NACHRUF ⋅ Mit Martin Landau ist einer der grössten Charakterdarsteller Hollywoods gestorben. Der New Yorker wurde 89 Jahre alt.
18. Juli 2017, 04:38

Daniel Kothenschulte

Selbst im Weltraum, auf der «Mondbasis Alpha 1», wirkte Martin Landau denkbar bodenständig. Sein eckiges Gesicht, das er in späteren Jahren gern noch durch gewaltige rechteckige Brillengräser strukturierte, schien aus einem anderen Material geschnitzt, beständiger als Fleisch und Blut. Vielleicht war er deshalb auch Gene Roddenberrys erste Wahl gewesen, als der «Star Trek»-Erfinder 1966 nach dem idealen Mister Spock Ausschau hielt. Doch Landau entschied sich für eine andere Serie: «Kobra, übernehmen Sie» – nur um sich dort nach drei Jahren ausgerechnet vom «Vulkanier» Leonard Nimoy ersetzen zu ­lassen.

Nicht unbedingt ein Mädchenschwarm

Tatsächlich sah der damals etwa 40-Jährige nicht nur so aus, als hätte er einiges im Leben hinter sich gebracht. Bereits mit siebzehn hatte sich der 1928 geborene New Yorker in einem anderen Beruf einen Namen gemacht – als Karikaturist und Zeichner der ­lokalen «Daily News». Seine wahre Leidenschaft aber war die Schauspielerei, und wie viele junge Talente fand er sein Glück beim jungen Live-Fernsehen. 1955 war er dann einer von zwei unter zweitausend Bewerbern, die es an die einflussreichste Schauspielschule Amerikas schafften – das Actor’s Studio. Der zweite Kandidat war Steve McQueen. Von da aus konnte es für Landau eigentlich nur nach oben gehen, wenn auch nicht unbedingt als Mädchenschwarm wie der strahlend schöne Steve McQueen.

Wer aussah wie Martin Landau, konnte dafür schon mit 29 Jahren am Off-Broadway Tschechows «Onkel Wanja» spielen. Alfred Hitchcock besetzte ihn höchst eindrucksvoll in «Der unsichtbare Dritte»: Auf der Spitze des Mount Rushmore hatte er die sadistische Aufgabe, auf die ­Fingerspitzen des verzweifelten Cary Grant zu treten, der sich dort festhielt. Auch die Ehre, in dem einen Film zu spielen, der das Ende das alten Hollywood besiegelte, wurde Landau zuteil: An der Seite von Elizabeth Taylor lieh er sein Feldherrengesicht im sündhaft teuren Sandalenfilm «Cleopatra» der Figur des Rufio. Und während das Studio 20th Century Fox um ein Haar an dem epochalen Flop zugrunde ging, rettete sich Martin Landau zurück zum Fernsehen. Ein missglückter Gagenpoker kostete ihn freilich 1969 seine Rolle in «Kobra, übernehmen Sie», eine lange Durststrecke unattraktiver Rollen war die Folge. Auch die britische Serie «Mondbasis ­Alpha 1» brachte ihn 1975 noch nicht zurück ins Hollywood-­Geschäft. Erst eine Nebenrolle in Francis Ford Coppolas «Tucker – Ein Mann und sein Traum» läutete 1988 eines der erstaunlichsten Comebacks in der Geschichte der Traumfabrik ein.

Das Statuarische wirkte plötzlich zerbrechlich

Landau erhielt eine Oscar-Nominierung und gleich im Folgejahr die nächste – für Woody Allens «Verbrechen und andere Kleinigkeiten». Den Preis gewinnen konnte er schliesslich für die herzzereissende Darstellung des Horror-Mimen Bela Lugosi in Tim Burtons Meisterwerk «Ed Wood». Die scheinbare Maskenhaftigkeit seines Gesichts, das Statuarische am Spiel dieses Charakterdarstellers, wirkte unter Burtons Regie plötzlich zerbrechlich und warm. Landau wirkte im Alter wie neu geboren; lässig spielte er mit der Aura schier ­unendlicher Lebenserfahrung.

Viel zu erklären hatte er nicht über seine Kunst: «Unter dem Strich muss ein guter Schau­spieler vieles können», sagte er knapp. Oder: «Was ich am besten kann, immer am besten gemacht habe, ist schauspielern.» Seine wechselvolle Hollywoodkarriere war nun Teil der reichen Geschichte geworden, das dieses faltige Gesicht erzählte. 55 Jahre hielt er sie lebendig, am Samstag ist er «nach unerwarteten Komplikationen» im Alter von 89 Jahren in einem Spital in Los Angeles gestorben.


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