Leben heisst Mitleben

ROMAN ⋅ US-Autorin Mary Gaitskill hat hinreissend über eine ganz besondere Freundschaft geschrieben.
15. Mai 2017, 05:00

«Vielleicht bin ich keine normale Frau. Aber ich kann so tun.» So bekennt die Malerin Ginger einmal in Mary Gaitskills zweitem Roman «Die Stute» – und steht damit am vorläufigen Ende einer ganzen Reihe eindrucksvoller Frauenfiguren, welche die Autorin seit 1989 vor allem auch in Erzählungen geschaffen hat. Diese bestehen gegen alle Widrigkeiten trotzig auf der Erfüllung ihrer Wünsche und Träume.

Ginger ist eine Frauenfigur, wie man sie vor allem aus den Büchern von Sylvia Plath oder Anne Sexton kannte – jenen sogenannten «Confessional Poets», die Ende der 50er-Jahre einen kühnen Ton in die US-Literatur einführten, indem sie Frauen über ihre oft heiklen Gefühle berichteten liessen. 47 und Ex-Alkoholikerin, träumt Ginger von einer Adoption, die ihr neuen Sinn und Ablenkung bescheren soll von dem, was sie auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben durchlebte: unerfüllte Mädchenträume, verkrachte Männerbeziehungen und eine verhasste Mutter, in der sie die Hauptschuldige am frühen Tod ihrer Schwester sieht.

Elfjähriges Mädchen mischt Leben der Protagonistin auf

Doch ihr Mann Paul, ein Lehrer, glaubt nicht an ein solches gemeinsames Projekt. Stattdessen verliert er sich in flüchtigen Affären mit seinen Studentinnen, während Ginger ziellos durch ihren Alltag treibt. Bis sie eines Tages von einem Austauschprogramm namens Fresh Air hört, das Kinder aus den Grossstädten wochenweise in ländliche Gegenden vermittelt. So auch die elfjährige Velvet, die mit ihrer aus der Dominikanischen Republik stammenden Mutter und ihrem kleinen Bruder Dante in Brooklyn, New York, lebt. Und als das farbige Mädchen eines Tages Gingers Haus auf dem Land betritt, wo es ein Leben mit Pferden in bukolischer Ungezwungenheit erwartet, erlebt Ginger die lange ersehnte Zäsur – und ihr Leben wird sich für immer verändern.

«Junge Frauen interessieren mich ganz besonders», erläutert Mary Gaitskill das Wesen ihrer Velvet-Figur, «weil sie noch ganz unvoreingenommen auf die Dinge schauen und noch an die Erfüllbarkeit ihrer Träume glauben». Langsam und feinfühlig nimmt die 1954 in Kentucky geborene Autorin ihre Beschreibungen der sich entfaltenden Freundschaft zwischen der Malerin und der ihr anvertrauten kleinen Besucherin auf. Bis daraus das faszinierende Doppelporträt zweier Menschen entsteht, die gemeinsam ihre Wunden lecken – Fesseln lösen, und darüber zu sich selber finden.

Ein Triumph weiblichen Erzählens

Lange erschien Mary Gaitskills Auseinandersetzung mit der Einsamkeit der heutigen Frau in Amerikas noch immer von Männern dominierten Gesellschaft vielen als zu düster. Ihr neuer Roman nun bereitet dieses Thema wunderbar licht auf. Er tut es in Form einer Geschichte über Verlust, Hoffnung, wiedergefundenes Vertrauen und Freundschaft, die Albert Camus’ berühmten Satz «Leben heisst Mitleben» zu einem Triumph weiblichen Erzählens verdichtet.


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