«Leicht zugänglich, sexy und poppig»

KINO ⋅ Heute beginnt das Schweizer Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon. Die künstlerische Leiterin Emilie Bujès will das traditionelle Festival auch auf der anderen Seite des Röstigrabens wieder populärer machen.
13. April 2018, 07:46

Interview: Geri Krebs

Emilie Bujès, seit 1969 gibt es das Festival in Nyon, es ist nach Locarno und den Solothurner Filmtagen das drittälteste Filmfestival der Schweiz. Wie gehen Sie mit der Last dieser Tradition um?

Ich nehme sie auf jeden Fall sehr ernst. Ich bin mir bewusst, dass es eines der ältesten und grössten Festivals ist, das ich nun leite. Was etwas ganz anderes bedeutet, als wenn ich einem kleinen und jungen Festival vorstehen würde. Aber ich bin mir auch bewusst: Es bringt nichts, wenn ich mich mit dieser Geschichte überlaste.

Als Sie Ende 2016 zur künstlerischen Leiterin gewählt wurden, vermerkte die Pressemitteilung, Sie würden für «Jugend und Öffnung» stehen. Nun gibt es das Problem der Überalterung beim Publikum. Was tun Sie dagegen?

Da habe ich einerseits die Hoffnung, dass die Tatsache meines eher jugendlichen Alters auch eine Ausstrahlung auf das Festival und sein Publikum hat. Das Problem ist aber durchaus real. Deshalb legen wir dieses Jahr beispielsweise mehr Gewicht auf Partys als in früheren Ausgaben des Festivals. Das scheint auf den ersten Blick vielleicht etwas naiv, aber ich glaube, das muss auch ein wichtiger Teil des Festivals sein, um vermehrt junge Leute anzusprechen. Und dann habe ich bei der Auswahl der Filme ­darauf geachtet, dass es speziell solche gibt, die auch für ein jüngeres Publikum aufregend sein können. Als Beispiel erwähne ich den Film «Silvana», er porträtiert eine schwedische Hip-Hopperin, die lesbisch ist und einen stark feministischen Diskurs hat. Doch ich bin mir auch bewusst, dass wir andererseits unser treues bisheriges Publikum nicht verlieren dürfen, ich werde hier also behutsam vorgehen.

Was unterscheidet Sie von Ihrem Vorgänger Luciano Barisone?

Also, ich bin eine Frau und ich bin dreissig Jahre jünger als er. Aber ich habe fünf Jahre mit ihm zusammengearbeitet, war in der Auswahlkommission des Festivals, habe in dieser Zeit viel von ihm gelernt. Aber beruflich habe ich einen ganz anderen Background als er, ich komme von der zeitgenössischen Kunst. Was mein Geschlecht betrifft, finde ich es sowohl toll wie normal, dass es heute möglich ist, dass Frauen Positionen innehaben wie ich jetzt. Ich wurde bei meiner Wahl oft gefragt, ob die Tatsache, dass ich eine Frau bin, einen Einfluss auf das Festival haben werde: Nein, jeder Mensch macht, was er für richtig hält, egal was sein Geschlecht ist. Natürlich profitierte ich viel von dem, was Luciano und Jean aufgebaut ­haben. Ich habe viel Gemeinsamkeiten mit meinen Vorgängern – und bin trotzdem ganz anders.

Wo genau?

Ich möchte das Spektrum von Formen und künstlerischen Herangehensweisen vielleicht noch weiter öffnen und verbreitern. Wie alle Festivalleiter möchte ich einerseits Filme haben, die leicht zugänglich, «sexy» und «poppig» sind – aber genau so wichtig sind mir Filme, die sich mehr an ein spezifisches Publikum richten. Mir ist aber klar, dass ein derartiges Modell im Bereich der Fiktion einfacher realisierbar ist als im dokumentarischen. Denn obwohl es von A–Z geht, muss man sicherstellen, dass es noch zum gleichen Alphabet gehört. Auf jeden Fall finde ich es spannend, wenn das Spektrum nicht auf einem Mittelweg bleibt.

1995 hat Jean Perret das Festival unter dem Logo «Visions du Réel» neu gegründet und dabei stets seine Distanz zum Etikett «Dokumentarfilm» betont. Was ist Ihre Position dazu?

Ich finde den Begriff Dokumentarfilm nur als Orientierungspunkt wichtig, als dass es sich hier um eine irgendwie geartete Wirklichkeit handelt. Ansonsten aber sollte man nicht das Gefühl haben, dass das etwas mit Sachlichkeit zu tun hat. Denn diese Sichtweise ist ein Problem, gibt es doch eine Kamera, eine Position, eine Montage – all das hat Einfluss darauf, wie man eine Realität sieht. Es geht also mehr darum, etwas darzustellen, als zu sagen: Es war so.

Man hat den Eindruck, dass das Festival in der Deutschschweiz weniger wahrgenommen wird. Denken Sie, Sie schaffen es, Visions du Réel auch wieder jenseits des Röstigrabens populär zu machen?

Ich hoffe sehr. Immerhin sind wir in der Schweiz das einzige Festival des «Cinéma du Réel» und auch das einzige mit einem internationalen Filmmarkt. Schon deshalb hoffe ich, dass Leute aus der Deutschschweiz wieder vermehrt die Wichtigkeit von Visions du Réel sehen. Aber hoffen genügt nicht, ich werde verstärkt daran arbeiten, dass unser Festival nicht nur für ein internationales Fachpublikum da ist, sondern auch wieder Treffpunkt für den Schweizer Dokumentarfilm über die Sprachgrenzen hinaus wird.


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