Grossartige Gipfelwerke – doch die letzten beiden Konzerte finden nicht auf dem Pilatus statt

KLASSIK ⋅ Gipfelwerke auf dem Pilatus. Der Titel versprach viel und doch zu wenig. Es war ein berauschendes Wochenende mit Kammermusik von Franz Schubert, die auftretenden Künstler zeigten sich in Hochform. Achtung: Aufgrund der schlechten Wetterprognosen können die beiden letzten Konzerte nicht auf dem Pilatus durchgeführt werden.
Aktualisiert: 
10.11.2017, 15:00
07. November 2017, 07:27

Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Als das Konzert zu Ende ist, hält es niemanden mehr auf den Sitzen. Begeistert spenden die Zuschauer Applaus. Es ist der Schlusspunkt eines begeisternden Abends, eines neuen Festivals, das bereits jetzt Massstäbe setzt. Schon die Anreise ist ein Zauber. Über die steilste Zahnradbahn der Welt, 128 Jahre alt, schlängelt sich der Musikliebhaber in die Höhe. Hier, auf dem Spitz des Pilatus, 2128 Meter hoch, werden zum zweiten Mal «Gipfelwerke» geboten: Ein Festival, das an drei Wochenenden je ein Nachtkonzert am Samstag und eine Matinee am Sonntag umfasst, am vergangenen Wochenende mit einem Klaviertrio um den Pianisten Nicholas Angelich.

Am Anfang stand ein Fotoshooting

Dabei ist das Festival mehr dem Zufall denn der Planung geschuldet. Die Leitung des Luzerner Sinfonieorchesters liess sich für ein Fotoshooting die Umgebung zeigen. «Da nutzte ich die Gelegenheit», führt Godi Koch, der CEO der Pilatusbahnen aus, «und habe Numa Bischof auch den 100-jährigen Saal gezeigt.» Der Intendant des Orchesters war sofort begeistert vom Potenzial der Umgebung. Einmalig fand so letztes Jahr eine kleine Kammermusikreihe mit Beethoven statt.

«Die Begeisterung der Zuschauer war so gross, dass wir uns entschlossen, es dieses Jahr wieder durchzuführen», erklärt Numa Bischof. «Für uns war es wie eine Einladung zum Tanz.» Der intime Queen-Victoria-Saal, in dem man den Musikern praktisch in die Saiten greifen kann, ermöglicht eine Nähe, ein Erleben der Künstler, wie es das KKL nur selten bieten kann. Dazu Numa Bischof: «Für uns ist es ein grossartiger Weg, Kammermusik besser zu platzieren und zu vertiefen. Nur in der Kombination aus Sinfonik und Kammermusik kann man die Grösse eines Komponisten wirklich erlebbar machen.»

Dieses Jahr erklingt an drei Wochenenden Musik von Franz Schubert – ein Komponist, der natürlich auch zum Repertoire des Luzerner Sinfonieorchesters zählt. Die Künstler haben ebenfalls einen Bezug zur Stammformation. Numa Bischof: «Edgar Moreau (Cello) erhielt den Ar­thur-Waser-Preis in Luzern. Ning Feng (Violine) wurde uns in Peking als Solist ‹aufgezwungen›. Wir waren dann so begeistert, dass wir ihn gleich wieder engagierten.» Und Nicholas Angelich am Piano ist in Luzern sowieso ein vielgesehener Gast.

Musikalisches Glück

Das Konzert vom Samstag ist für Besucher, die sich zuvor beim festlichen Essen im Hotel Pilatus Kulm treffen, quasi das Dessert. Und dieses wird zum Erlebnis, zur Sternstunde gar. Nicholas Angelich eröffnet mit vier Impromptus (op. 142) von Franz Schubert. Aus seinem grossen Aufbau, ein Wachsen aus einem Guss, steigt die Vielfalt der Melodien. Angelich spielt sanft, aber doch bestimmt. Fern jeder plakativen Virtuosität zeichnet er das fantasievoll sich drehende Karussell. Vor allem das zweite Impromptu taucht tief ein in den Wirbel menschlichen Sehnens. Es ist ein träumender Spaziergang durch des Komponisten Welt. Eine sinnliche Emotion, ein Traumland ohne jede Erdenschwere, ja ein musikalischer Glücksmoment.

Am selben Wochenende werden auch die beiden grossen Klaviertrios von Franz Schubert offeriert. Am Sonntag ist es das B-Dur, während am Samstag das gigantische Es-Dur jeden Rahmen sprengt. Schon das Werk in sich ist ein ausuferndes Spektakel. Im Spiel der drei Solisten wird es noch mehr zu einem jagenden Rausch. Ning Feng (36) und der erst 23–jährige Edgar Moreau sorgen für den jugendlichen Sturm und Drang, während Nicholas Angelich den lyrischen Zusammenhalt sicherstellt.

Es ist ein ganz grosses Gefühlstheater, ein Orkan aus Lust und Laster, den die Künstler zelebrieren. Voll des Schmerzes, von der Sehnsucht gestützt schreitet der trauernde Marsch im Andante. Das finale Allegro wird zur ausufernden Explosion, einer Walpurgisnacht der Emotionen. Sinnlich an der Schmerzgrenze, ein Sturz in den Strudel, ein diabolischer Tanz am Abgrund. Das Zusammenspiel ist grossartig, nur das Cello manchmal etwas gar dominant. Die Musiker ziehen unendlich scheinende Bögen, der Schirm bleibt von der ersten bis zur letzten Note gespannt. Peinigende Steigerung, deren Ende man am Schluss fast erleichtert zur Kenntnis nimmt.

Ein Festival-Juwel mehr in Luzern

Auch besuchermässig sind die Konzerte bis jetzt ein Erfolg. Am Samstagabend blieben nur wenige Plätze frei. Und am nächsten Wochenende sind die Übernachtungen schon ausverkauft, Konzertkarten sind noch erhältlich. Neben dem Mai-Festival «Zaubersee» und dem «Musikwagen» ist dies ein weiteres Juwel, dass der Intendant Numa Bischof und sein Team aus dem Hut zauberte. Oder wie es Vreni Kumber, eine Konzertbesucherin aus Basel, formuliert: «Einfach fantastisch, hoffentlich geht dieses Festival immer weiter.

Achtung: Die letzten beiden Konzerte nicht auf dem Pilatus

Die letzten «Gipfelwerke auf dem Pilatus» spielt das Hagen-Quartett am Samstag, 11. November, 19.30 Uhr, im Gesellschaftshaus der Herren zu Schützen, Löwengraben 24, Luzern und am 12. November, 10.30 Uhr, im Marianischen Saal, Bahnhofstrasse 18, Luzern.

Informationen auch zu Nachtessen/Brunch: www.sinfonieorchester.ch


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