Regisseurin Sally Potter: «Man muss Spott ertragen können»

KINO ⋅ In ihrem Film «The Party» lässt die britische Regisseurin Sally Potter einen geselligen Abend unter Freunden eskalieren. Ein Gespräch darüber, was das mit dem Brexit und mit Jazz zu tun hat.
27. Juli 2017, 04:38

Interview: Geri Krebs

Die 1949 geborene Sally Potter verbreitet beim Gespräch in einem Hotelzimmer in Zürich, wohin sie mit Bruno Ganz zur Promotion von «The Party» gekommen ist, Energie, Optimismus und Ernsthaftigkeit gleichermassen. Wenn sie einem so strahlend gegenübersitzt, kann man es kaum glauben, dass diese Frau in zwei Jahren 70 wird. Offensichtlich hält eine schon 50 Jahre andauernde Laufbahn als Filmemacherin, Performerin, Musikerin und Tänzerin jung.

Sally Potter, «The Party» ist ein Kammerspiel für sieben gleichberechtigte Charaktere. Die Struktur erinnert an ein Jazzstück: Es gibt ein Thema, Solos, Duos und das Interagieren aller Beteiligten. Kam Ihnen Ihre Erfahrung als Jazzmusikerin zugute?

Nun, ich freue mich, dass Sie «The Party» in dieser Weise aufgenommen haben. Denn dieser Film ist einer, bei dem Struktur alles bedeutet. Und wenn ich in meinen Jahren als Musikerin etwas gelernt habe, dann das: Man muss in einer Band immer parallel mehreren akustischen Linien folgen. Genau so funktioniert der Plot. Zwar steht für mich die Figur von Bill ein Stück weit im Zentrum. Einfach dadurch, weil er derjenige ist, der die ganze Zeit sitzt oder liegt und nur kurz aufsteht, wenn er wieder eine neue Schallplatte auflegt. Um diese Figur herum sind die anderen sechs ja ständig in Bewegung, wobei jede von ihnen, musikalisch gesprochen, ihre eigene Partitur hat.

Der Vergleich mit Jazz ist auch dadurch naheliegend, weil einige der Grössten dieser Musik im Film zu hören sind: Sidney Bechet, John Coltrane, Albert Ayler...

Oh, ja, vor allem dieses Genie Albert Ayler. Finden Sie nicht auch, dass diese Version des Klassikers «Summertime» der helle Wahnsinn ist?

Natürlich, das Stück jagt einem Schauer über den Rücken. Was mich zu Ihrer Musik führt. Die Band, mit der Sie in den 1980ern zusammen mit Lindsay Cooper und anderen erfolgreich waren, hiess Feminist Improvising Group (FIG). Würden Sie sich heute noch als Feministin bezeichnen?

Was für eine Frage! Ja, selbstverständlich bin ich Feministin. Feministin zu sein, heisst doch nichts anderes als gegen jegliche Art von Diskriminierung zu kämpfen, sich dafür einzusetzen, dass es in dieser Welt gleiche Chancen und ein würdiges Leben für alle gibt. Schauen Sie doch, wie schnell alle Errungenschaften, die Frauen in Jahrzehnten erreicht haben, plötzlich in einem Tag durch ein Wahlergebnis wieder grundlegend in Frage gestellt werden können.

«Es herrscht eine unglaublich hasserfüllte Stimmung.»

Sie spielen auf die USA an, aber wie schätzen Sie die aktuell politische Stimmung in Ihrem Land ein? Vor allem unter dem Aspekt, dass die Dreharbeiten zu «The Party» genau in den Tagen der Brexit-Abstimmung stattgefunden haben?

Es herrscht eine unglaublich hasserfüllte Stimmung, vor allem gegen Frauen, die in der Politik aktiv sind. Hasskampagnen im Netz, Beschimpfungen, Drohungen und Tätlichkeiten gegen Politikerinnen sind heute in Grossbritannien an der Tagesordnung. Dabei bleibt es ja nicht immer nur bei verbalen und physischen Rempeleien. Denken Sie nur an Jo Cox, jene Labour-Politikerin, die letztes Jahr, eine Woche vor der Brexit-Abstimmung, ermordet wurde. Als ich vor etwa drei Jahren mit dem Drehbuch begann, lag das alles noch ganz weit weg. Niemand hätte damals gedacht, dass es einmal so weit kommen könnte wie heute.

«The Party» lebt ja auch zu einem wichtigen Teil von einer Ironisierung eines politisch-intellektuellen Milieus, das Ihnen nicht allzu fern ist. Würden Sie das Drehbuch heute noch gleich schreiben?

Selbstverständlich, man muss doch auch über sich und über das Milieu Spott ertragen können, in dem man sich hauptsächlich selber bewegt. Und in diesem Milieu gibt es jede Menge an Mangel von Ehrlichkeit, politisch gesprochen. Meine Grundidee für die Handlung von «The Party» war, das Verhältnis von Wahrheit und Lüge zu ergründen. Dass es dabei dann schnell handgreiflich wird und man als Zuschauerin und Zuschauer an diesen Kämpfen seinen Spass haben soll, war genau meine Absicht. Schliesslich müssen wir in diesen schwierigen Zeiten doch auch lachen können, nicht wahr?

Fulminantes, bitterböses Kammerspiel

Filmbesprechung Die erfolgreiche Politikerin Janet ist ganz oben angekommen: Die fünfzigjährige Exponentin einer linken Oppositionspartei hat erfahren, dass ihre Partei (Party) sie für die künftige Regierung als Gesundheitsministerin bestimmt hat. Das muss mit einer Party gefeiert werden. So lädt sie mit ihrem Mann, dem Unidozenten Bill, drei befreundete Paare ein. Als erste treffen die blonde alt Aktivistin April und ihr Mann, der deutsche Naturheiler Gottfried, im geräumigen Londoner Appartement ein; kurz darauf steht Martha, eine lesbische Professorin, in der Tür. Und wenig später Jinny, Marthas fast dreissig Jahre jüngere Lebenspartnerin, die gerade von einem Arzttermin kommt. Als auch noch der junge Banker Tom eintrifft, der sich dafür entschuldigt, dass es bei seiner Frau etwas später wird, scheint einem Abend unter Freunden nichts mehr im Wege zu stehen. Dass etwas nicht stimmt in dieser frohen Runde, wird in der ultrakurzen Eröffnungsszene klar. Und als dann Bill den schockierten Gästen von seiner unheilbaren Krankheit erzählt und er diesem – für alle neuen – Geständnis noch ein weiteres hinzufügen will, ist das noch harmlos, verglichen mit dem, was an Intrigen, Betrügereien und Leichen im Keller in den folgenden sechzig Minuten (und in Echtzeit) ans Tageslicht kommt.

Alle bekommen sie ihr Fett ­ ab in diesem irre überdrehten Kammerspiel in meisterhaftem Schwarz-Weiss, das als Reigen der Leidenschaften mit grandiosen Wortgefechten auftrumpft: Feministinnen, Machos, Esoteriker, Banker und – zuallererst – eine heuchlerische Classe Politique, die längst aufgehört hat, das eigene Gesülze von sozialem Zusammenhalt und Gerechtigkeit ernst zu nehmen.

Es ist ein unglaubliches Star-Ensemble, das die britische Regisseurin und Drehbuchautorin Sally Potter für ihren achten langen Spielfilm versammelt hat: Kristin Scott-Thomas (Janet), Timothy Spall (Bill), Patricia Clarkson (April), Bruno Ganz (Gottfried), Cherry Jones (Martha), Emily Mortimer (Jinny) und Cillian Murphy (Tom). Die sieben Schauspielkoryphäen geben hier alles in diesem Geniestreich einer grossen Cineastin. Aus der Vergangenheit bringt man die Regisseurin eher mit experimentellerem Kino («Orlando», «The Tango Lesson») in Verbindung, als mit einer in der Tradition britischer Konversationsstücke stehenden, bitterbösen Tragikomödie. Doch die frühere Musikerin Sally Potter ist immer für Überraschungen gut.

 

Geri Krebs

 

Video: The Party - Trailer

Komödie von Sally Potter. Kinostart: Donnerstag, 27. Juli 2017. (Tel-A-Vision, 11.07.2017)




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