Massimo Rocchi : «Mein Job ist die Komödie»

BÜHNE ⋅ Mit seinem neuen Programm «Best of 6zig» rührt Massimo Rocchi an seine wichtigste Triebfeder: die Emotionen. Der Komiker erzählt, was ihn darüber hinaus bewegt und begeistert.
12. November 2017, 04:38

Interview: Pirmin Bossart

piazza@luzernerzeitung.ch

Massimo Rocchi, Sie sind 60 geworden, nennen Ihr neustes Programm «Best of 6zig»: Was hat es mit dem Sechzigsten auf sich? Was ist das für ein Alter?

Beruflich spüre ich ein grosses Glück, dass es mit meinem Lebenstraum bis jetzt so gut geklappt hat. Ich wollte immer schon Theater machen. Privat merke ich an den Zusendungen, dass ich offenbar in einer neuen Zielgruppe gelandet bin. Ich erhalte Post von der Pro Senectute oder kriege Werbung von Altersheimen oder werde auf das Spenden von Organen aufmerksam gemacht.

Sie wirken sehr fit, trainieren Sie regelmässig Ihren Körper?

Theater hat vor allem mit dem Körper zu tun. Das Schauspiel beschränkt sich nicht nur auf die Stimme. Auf der Bühne wird man sichtbar, und der Körper erzählt eine Geschichte. Schon seit meinen Anfängen im Theater habe ich regelmässig trainiert. Der Körper ist wie die Tinte für den Kugelschreiber. Statt zu joggen, gehe ich heute mehr schwimmen, fahre viel Velo oder besuche ab und zu eine Yogastunde.

Was darf man von Ihrem 60er-­Programm erwarten? Wo liegen die Schwerpunkte?

Ich lasse mich von verschiedenen Spielorten meines Lebens inspirieren, die mir die Möglichkeiten geboten haben, Emotionen wahrzunehmen: die Kirche, der Friedhof, der Familientisch, die Oper, der Yogakurs, das Sprechlabor, das Fussballstadion usw. Ich erzähle, welche Emotionen und Geschichten diese Orte in mir ausgelöst haben.

Emotionen sind wichtig für Sie.

Sie sind das Grundlegendste überhaupt. Emotionen sind wahrscheinlich die Basis des Theaters. Die Stoffe und Inhalte mögen sich ändern, aber die Emotionen bleiben. Wenn die Aufführung zu einem Vortrag wird, ist es kein Theater mehr. Ich habe einen Freund, der noch einige Jahre älter ist als ich und sich verliebt hat. Was das mit ihm angestellt hat! Ich musste ihm sagen: Du hast keine Knieprothesen erhalten, du hast einen neuen Motor von Ferrari eingebaut bekommen! Ohne Emotionen würde sich das Leben wohl nicht lohnen.

Es sei denn, wir mutieren bald zu Robotern ...

Selbst die Roboter scheinen nicht darauf verzichten zu können, wie uns das im Kino der Film «Blade Runner 2» vorführt. Alles, was der Mensch baut und macht, ist ohne Gefühle und Emotionen unvorstellbar. Denken Sie an ein Gesicht: Es ist unmöglich, ein Gesicht emotionsfrei zu fotografieren. Jedes Gesicht hat eine Ausstrahlung.

Sie wuchsen in Italien auf, lebten und studierten in Paris, haben sich aber schliesslich in der Schweiz niedergelassen. Hat Sie die Liebe hier gehalten, oder was war es?

Ich war mit neun Jahren erstmals in der Schweiz. Ich war in einem Sommercamp in den italienischen Alpen. Von dort aus machten wir mit dem Priester einen Ausflug nach Luzern. An zwei Sachen erinnere ich mich: Ich habe zum ersten Mal einen schwarzen Schwan gesehen. Und einen riesigen Supermarkt mit drei orangen M, dessen Gestelle voll waren mit Käse und meterlangen Schokoladen. 1982 kam ich mit Katrin, der Mamma meiner Kinder, nach Bern.

Sie hatten keinen Kulturschock in der Schweiz?

Ich habe mich sofort wohlgefühlt. Ich habe sogar ohne Vitamin B von der Stadt und dem Kanton Bern Unterstützung bekommen für mein erstes Solotheater­programm. Das hat mich beeindruckt.

Mittlerweile sind Sie auch auf dem Papier ein Schweizer. Was mögen Sie an diesem Land?

Ganz egoistisch gesagt: das Publikum. Ich kann hier mit drei Sprachen auftreten, und alle verstehen mich. Als Bürger fasziniert mich das «Staats-Gschpüri».

«Staats-Gschpüri»?

Man ist in der Schweiz unterwegs und merkt, wie unterschiedlich die Leute und Mentalitäten sind. Appenzell ist gar nicht so weit weg, aber es ist ziemlich anders. Schon zwischen Sursee und Luzern merkt man die Unterschiede. Als Schweizer weiss und erfährt man: Es gibt Menschen, die anders denken, anders sprechen, auch wenn es nur wenige sind.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich bin ein Hörer von Radio Rumantsch. Auch wenn ich nur 10 Prozent verstehe, brauche ich das. Ich versuche, die Sätze zu entziffern, liebe den Klang der Sprache und spüre, wie anders die Worte und die Melodie wirken, als wenn ich im Toggenburg oder in Interlaken wäre. Es ist dieses Gefühl, zu erfahren, dass es bei uns Leute gibt, die anders sprechen und uns so auch zu einer anderen Wahrnehmung führen.

Womit tun Sie sich schwer in der Schweiz? Ich nehme nicht an, Sie sind von allem hier begeistert?

Ich würde mir eine viel höhere Wahl­beteiligung wünschen. 90 Prozent, das wäre schön! Oder dass der Zugbegleiter die Gültigkeit des GA nur mit einem Blick in die Augen des Reisenden kontrollieren kann. Aber das ist vermutlich ein zu nostalgischer Gedankenzug.

Sie erwähnten zu Beginn Ihre Begeisterung für das Theater: Was bedeutet Theater für Sie?

Theater ist für mich nach Penizillin die zweitgrösste Erfindung. Der Mensch ist kein Einzelwesen, er ist verbunden mit anderen Lebensgenossen. Selbst wenn er sagt, er wolle mal allein sein, kommt darin die Abwesenheit der Verbundenheit zum Ausdruck. Man kann allein etwas denken, aber um zu hören, was man gedacht hat, braucht es andere Menschen. Durch den Dialog entwickeln wir die Philosophie.

Was kann Theater in unserer Gesellschaft bewirken? Macht es bessere oder aufmerksamere Menschen aus uns?

Das Theater hält uns den Spiegel vor. Es kann uns zeigen, wo die Emotionen uns hinbringen könnten, wenn wir dies zulassen.

Sie wollten offenbar schon immer auf die Bühne. Wie kam das?

Es war ein Zufall, genauer gesagt ein Deal. Im Gymnasium fragte mich mal ein Schulkollege, ob ich nicht Lust hätte, ihn in einen Theaterkurs zu begleiten, ­ er würde mir dafür in der Chemieprüfung helfen. Er hatte sich in ein Mädchen verliebt und wollte sie näher kennen lernen. Ich habe mich dann sehr wohlgefühlt, ja, es war eine Offenbarung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich in der Schule mit Latein, Griechisch oder der Ästhetik in der Kunst beschäftigt. Ich spielte plötzlich Rollen, die nichts mit dem zu tun hatten, wie ich mich empfand. Ich war ziemlich scheu und schüchtern. Mit diesem Kurs kam ich schnell zur Überzeugung: Theater, das muss ich machen!

Sie haben auch Theaterwissenschaften studiert. Warum sind Sie nicht Regisseur oder Dramaturg geworden?

Seit 2012 habe ich mehrmals als Regisseur gearbeitet. Der Intendant des Theaters Basel, Georges Delnon, hatte mich angefragt, eine komische Oper – also eine Opera buffa – zu inszenieren. Ich sagte mit Freude zu. Zwei Jahre später fragte er mich wieder, dann habe ich ein Theaterprojekt gemacht. Neuerdings habe ich mehrere One-Man-Shows inszeniert, in Basel, Zürich und bei der Lach- und Schiessgesellschaft in München. Ich habe inzwischen wieder Angebote erhalten, auch als Coaching-Trainer, aber vorerst werde ich mich jetzt meinem Soloprogramm widmen.

Wären Sie auch geneigt, mal eine Oper zu inszenieren?

Nein, ich bleibe bei der Opera buffa. Mein Job ist die Komödie. Das braucht eine spezifische Technik. Und es liegt näher beim Schauspiel. Komik hat sehr viel mit Technik und Rhythmus zu tun. Es ist wie bei den Kommas beim Schreiben. Es braucht Pausen, Erweiterungen, Überraschungen, einen bestimmten Fluss. Der Schauspieler und Komiker Harold Lloyd verglich die Komik mit Chemie: Führt man die richtigen Anteile von Elementen nicht milligrammgenau zusammen, passiert gar nichts.

Sehen Sie Ihre Aufgabe, zu unterhalten und das Publikum heiter zu stimmen, oder möchten Sie die Leute auch auf Missstände aufmerksam machen, sie zum Denken anregen, ihnen eine Botschaft mitgeben?

Ich will ein Publikum unterhalten. Dass Leute über zwei Stunden zusammen­sitzen im Dunkeln, so ganz ohne WLAN, das «längt mir» vollkommen. Das Wort «unterhalten» ist in unserer Sprache nicht ausschliesslich positiv besetzt. Aber wenn mir jemand sagt, Massimo, du bist ein «super Unterhalter», kann ich sehr gut damit leben.

Sie bezeichnen sich als Komiker, was wäre denn ein Kabarettist?

Der Kabarettist versucht, die Wahrheit aufzuzeigen, Lügen im Machtgefüge zu enthüllen. Er ist ein Einzelgänger, der in der Nacht, bestens ausgerüstet und mit Stirnlampe, die Eiger-Nordwand besteigen will. Der Komiker will, mit Sneakers, breiten Jeans und einer Migros-Einkaufstasche in den Händen, um 12 Uhr mittags über die Südwand den Eiger besteigen. Er schafft es natürlich nicht, aber er kann das Publikum überzeugen, dass er auf dem Eiger ist.

Empfinden Sie es als anstrengend, Leute zu unterhalten, sie heiter zu stimmen, zum Lachen zu bringen?

Es ist ein Beruf. Was ich am Ende auf der Bühne bringe, muss fliessend, lebendig und einfach verständlich sein. Was sich dahinter versteckt, wird kein Zuschauer und kein Journalist erfahren. Das ist mein Bier. In der Vorbereitung bin ich ein Chirurg, wenn ich auftrete, bin ich ein Hausarzt. Es ist auch richtig, dass wir beurteilt werden. Auf der Bühne schlage ich etwas vor. Ob das dem Publikum oder den Medien gefällt, muss ich jedem selber überlassen. Egal, wie lange ich mich vorbereitet habe oder wie schwierig die Umstände gewesen sein mögen: Das sind keine Gründe, sich zu rechtfertigen und sein Stück zu verteidigen.

Also können Sie gut mit Kritik umgehen?

Wenn man eitel ist, sollte man diesen Job wechseln. Dass es heute überhaupt noch eine Kritik gibt, ist schon fantastisch. Ich habe nur einmal einer Kritikerin meine Meinung geschrieben, aber da ging es nicht um mich, sondern um eine andere Person, die ich als ungerecht kritisiert empfand. Ein Kritiker hat in der Zeitung das letzte Wort. Einmal ist es fertig, finito. Was danach passiert, ist Leben. Basta.

Wie bauen Sie ein Programm auf? Was sind die essenziellen Teile, damit ein Publikum gepackt wird und mitgeht? Haben Sie da schon einige Tricks herausgefunden?

Tricks? Das ist das Fatalste. Ich möchte sie nicht benutzen. Ich kreiere ein Programm nicht um etwas herum, das dem Publikum gefallen könnte. Jedes Programm, das ich mache, könnte das letzte sein, das ist meine Denkweise. Wenn ich ein Programm verdaut habe, gehe ich wieder auf die Jagd nach Büchern. Ich liebe es, zu lesen, Sachen zu erfahren. Ich greife in Bücher ein, mache Korrekturen, schreibe Kommentare hinein, streiche ganze Seiten durch, die mir nicht gefallen. «Life Against Death» von Norman O. Brown lese ich seit 40 Jahren jedes Jahr. Der Inhalt über die psychoanalytische Bedeutung der Geschichte inspiriert mich immer aufs Neue. Das Buch ist schon in allen möglichen Farben verunstaltet. Immer kommt wieder eine neue Schicht dazu.

Gibt es Themen, die für Sie tabu sind? Sachen, über die Sie sich nicht lustig machen wollen?

Auf der Bühne sicher nicht. Aber es muss zum Thema passen. Ich möchte nicht das Publikum schockieren. Es reicht nicht, jemanden nur anzugreifen, um eine Satire zu machen. Metaphern sind der Schlüssel zur Kreativität. Menschen haben Gefühle, bevor sie denken. Als Komiker auf der Bühne arbeite ich damit. Ein Komiker ist wie ein Pinguin: ein Vogel, der nicht fliegt, sondern schwimmt.

Fühlen Sie sich ob der steigenden Ansprüche in Sachen politischer Korrektheit auf der Bühne eingeschränkt? Oder hält es Sie kreativ?

Ich finde es nicht einengend heute. Früher war mein Job viel gefährlicher. Man konnte den Kopf verlieren. Heute kann ein Komiker auch Chef einer Partei sein.

Welche Komiker oder Kabarettisten im deutschsprachigen Raum finden Sie persönlich selber interessant oder witzig?

Komikerinnen und Komiker in der Schweiz sind wie eine Schachtel Caran-d’Ache-Farben. Keine Farbe soll fehlen, keine ist schöner als die andere.

Sie sind gebildet, sehr sprachbegabt, theatralisch vielseitig, erfolgreich, fleissig, haben zahlreiche Preise gewonnen. Sie waren als Italiener früh extrem gut integriert und schon vor Ihrem Schweizer Pass ein Vorzeigeschweizer: Gibt es in Ihrem Leben auch Brüche, Unzulänglichkeiten, Ungereimtheiten?

Die gibt es, aber sie bleiben hinter den Kulissen. Auch das Publikum lässt den Mantel an der Garderobe, wenn es eine Vorstellung besucht.

Wie nehmen Sie die Schweizer Politik wahr? Wie fest nehmen Sie am Politgeschehen teil?

Die Politik ist etwas Positives, so etwas wie eine Impfung gegen die Diktatur. Ich interessiere mich für das politische Geschehen, lese darüber und wähle immer. Wählen ist für mich eine Pflicht.

Was machen Sie, wenn Sie nicht auf der Bühne stehen? Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?

Ich pflege Beziehungen in Rom und München und reise oft dahin. Ich besuche jede Menge Opern und Fussball­spiele. Und: Auch der Haushalt gehört zu meinem Leben.

Haben Sie auch ein Laster?

Nein, zum Glück nicht.

Mit 60 rückt die Endlichkeit allen Seins unweigerlich näher. Wie gehen Sie damit um?

Die Endlichkeit fühlte ich schon als Kind. Ich denke, das ist das Hauptgefühl eines Komikers. Aber das Publikum beglückt den Komiker mit dem Gefühl der Unendlichkeit, wenn auch nur für zwei Stunden. Ich hoffe, das gilt auch umgekehrt.


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