Misstöne beim Erfolgsorchester

21ST CENTURY ORCHESTRA ⋅ Das 21st Century Orchestra hat sich mit seinem Mix aus Kinofilmen und Livekonzerten zu einer festen ­Grösse entwickelt. Jetzt haben sich Orchester und Produzent überworfen. Das KKL versucht zu vermitteln.
15. September 2017, 05:00

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Was ist los beim 21st Century Symphony Orchestra? Seit längerem fiel auf, dass live begleitete Filmvorführungen im Konzertsaal nicht immer vom Orchestergründer Ludwig Wicki, sondern vermehrt von Gastdirigenten geleitet werden. Und Verwirrung stiften die Internetseiten mit den Veranstaltungen des aus Luzerner Berufsmusikern zusammengesetzten Filmmusik-Orchesters.

Statt der üblichen rund 30 Vorstellungen sind auf der Seite des Orchesters nicht alle Termine zu finden, die auf www.21concerts.ch vermerkt sind. Diese führt dafür zwei Projekte mit auswärtigen Orchestern an, darunter Bernsteins «West Side Story», bei der vor zwei Jahren das 21st Orches­tra mitgewirkt hat.

Gemeinsame GmbH ist aufgelöst

Recherchen unserer Zeitung bestätigen, dass das Erfolgsmodell 21st Century Symphony Orches­tra vor einer Zerreissprobe steht. Fakt ist: Die beiden ehemaligen Partner, das Orchester unter Dirigent Ludwig Wicki sowie Produzent und Veranstalter Pirmin Zängerle, haben ihre gemeinsame GmbH aufgelöst. Zängerle machte sich als Veranstalter unter dem Label 21st Century Concerts selbstständig. Und dasselbe strebt das Orchester unter dem neuen Präsidenten, dem Unternehmer Andy Weymann, an.

Im Konflikt zwischen den Parteien ist das KKL Luzern durch laufende Verträge involviert. Das KKL ist für das 21st-Orchester wichtig als Plattform mit grosser Ausstrahlung. Umgekehrt zählen 21st-Produktionen für das KKL zu den wichtigsten Kunden im Veranstaltungsbereich und tragen rund 10 Prozent des Umsatzes bei, wie der CEO des KKL, Phi­lipp Keller, bestätigt. Der Veranstalter 21st Century Concerts schloss mit dem KKL einen mehrjährigen Vertrag ab wie in der Branche üblich. Somit sind bereits viele Konzertdaten mit dem Format Filmmusik vorreserviert. Diese Reservierungen laufen auf Zängerles 21st-Concerts-Organisation – und nicht auf das Orchester direkt.

Das gegenwärtige Zerwürfnis lässt sich nicht allein durch Unstimmigkeiten zwischen dem Dirigenten und dem Produzenten erklären. «Die Initiative zur Neuorientierung ging vom Orchester aus», sagt Andy Weymann: «Die Orchestermusiker wollten seit längerem die Programme stärker künstlerisch mitgestalten. Weil Zängerle entsprechende Vorschläge nicht aufgenommen hat, entstand der Wunsch, Produzent und Orchester stärker zu trennen. Zu meinen Aufgaben gehört, dieses mit eigenen Strukturen so zu professionalisieren, dass es, wie jetzt erstmals mit den Konzerten von heute und morgen Abend, selber aktiv sein kann.»

Bisher noch keine Sponsoren gefunden

Immer wieder ein Thema sind die Musikergagen, die beim 21st-Orchester unter branchenüblichen Ansätzen liegen. Das liegt nicht nur daran, dass das Orchester nicht subventioniert ist. Auch Sponsoren liessen sich bislang kaum finden: «Es ist klar, dass wir das nicht über Nacht ändern können», meint Weymann: «Aber auch in dieser Hinsicht möchte ich aktiv werden.»

Das alles muss noch kein Grund für eine Trennung sein. Schon bislang hat Zängerle für 80 Prozent der von ihm veranstalteten Konzerte im KKL das Luzerner Orchester engagiert. «Das ist auch in der jetzt beginnenden Saison in 25 Konzerten der Fall, und daran würde ich gerne längerfristig festhalten», meint der Veranstalter, der einst im KKL und in der Tonhalle Zürich Leitungsfunktionen inne­hatte. «Aber ich wehre mich dagegen, wenn das Orchester, wie offenbar geplant, auf eigene Rechnung Erfolgsproduktionen wieder aufführen will, die mit substanziellen Startinvestitionen erarbeitet wurden.»

Für die «West Side Story» engagiert Pirmin Zängerle, der das 21st-Unternehmen mit Kooperationen absichern will, im Januar ein Orchester aus Mailand. Das Beispiel zeigt, dass es im Konflikt nicht zuletzt um Urheberrechte an bisherigen Produktionen und überhaupt am Erfolgs-Label 21st geht. Tatsache ist, dass Ludwig Wicki den Namen, das Orchester und das Format in Luzern lanciert hatte und damit deren geistiger Urheber ist. Tatsache ist aber auch, dass das Projekt 21st erst in der Zusammenarbeit mit Zängerle zu internationaler Ausstrahlung fand. Und es war dieses Gemeinschaftsprojekt, das sowohl Wicki als international gefragter Filmmusikdirigent wie Zängerle als weltweit vernetzter Produzent gross gemacht hat.

Filmstudios haben Modell auch entdeckt

Dass mit dem Erfolg live begleiteter Filmvorführungen in den letzten Jahren Konkurrenz für das einst ziemlich exklusiv 21st-Projekt erwachsen ist, weiss auch Zängerle: «Ein klarer Indikator dafür ist, dass es schwieriger geworden ist, Premieren nach Luzern zu holen. Die grossen Filmstudios haben entdeckt, dass sie mit solchen Vorführungen die Filme zusätzlich vermarkten können und bevorzugen für solche Premieren immer mehr Metropolen wie London oder New York.»

Es gibt also gute Gründe, sich zusammenzuraufen. Zängerle räumt ein, er habe nichts dagegen, wenn das Orchester zusätzlich zur gemeinsamen Zusammenarbeit punktuell eigene Projekte macht, die nicht in sein Jahresprogramm passen. Aber dafür bräuchte das Orchester eigene Termine im KKL. Womit sich die Frage stellt, ob bereits reservierte Termine dem Orchester übertragen werden müssten.

Der CEO des KKL verweist darauf, dass sein Haus Verträge mit zuverlässigen Partnern gerne einhält und bestehende zusätzliche Termine für das Orchester nicht ausschliesst: «Für die beiden Konzerte mit Musik von James Horner, haben wir sogar zwei Termine zur Prime Time am Freitag und Samstagabend zur Verfügung gestellt.»

Fraglich bleibt, ob der Vertrag mit 21st Century Concerts, der faktisch die Rechte am Label im KKL dem Produzenten gibt, juristisch anfechtbar wäre. So weit, hofft Keller, kommt es nicht: «Bis April sind die gemeinsamen Projekte ja geregelt. Alternativen, wie es weitergeht, falls sich die Parteien nicht wieder zusammenfinden, müssten wir zu einem späteren Zeitpunkt diskutieren.»

Das KKL versucht, zwischen Orchester und Produzent zu vermitteln. «Wir haben Mediationsgespräche angeregt und hoffen, dass sie die gemeinsamen Aktivitäten doch weiterführen», so Keller: «Falls das nicht gelingt, besteht die Gefahr, dass wir dieses Erfolgsformat verlieren und andere Veranstalter das beispielsweise in der Samsung Hall in Dübendorf anbieten.» Diese sei zwar nicht so schmuck wie das KKL, aber sie hat deutlich mehr Plätze.

Hinweis

Alle Konzerttermine: www.21concerts.ch und www.21co.ch


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