Mit Kultur die Stadt beleben

PROJEKT ⋅ In der Tessiner Grenzstadt Chiasso werden leerstehende Läden für Kunstprojekte zwischengenutzt. Sozialhilfeempfänger kümmern sich um Aufsicht und Informationen.
09. Februar 2018, 08:01

Corso San Gottardo – einst war dies die pulsierende Hauptstrasse des Grenzstädtchens Chiasso. Doch seit Jahren ist ein Strukturwandel im Gang. Historische Lokale und Wechselstuben haben geschlossen. Läden stehen leer. An Stelle von Geschäften sind medizinische Gemeinschaftspraxen entstanden. Und am Abend ist die Innenstadt menschenleer, obwohl der Corso dank einer Fussgängerzone städtebaulich an Attraktivität gewonnen hat.

Die leeren Ladenflächen stören Roberta Pantani, Lega-Nationalrätin und stellvertretende Gemeindepräsidentin. Wie kann es gelingen, Leben in die Geschäfte zu bringen? Wie kann man dem traurigen Stadtbild entgegenwirken? Aus diesen Fragen entstand die städtische Initiative «Frequenze». Die originelle Idee dahinter: Mit Einverständnis der Eigentümer werden die leeren Geschäfte für Kunstprojekte genutzt, zumindest so lange, bis sie wieder regulär vermietet sind.

Doch damit nicht genug. Das Bauamt führt sanfte Renovationen der ungenutzten Ladenlokale durch. Vor allem aber sorgt eine kleine Gruppe von Sozialhilfeempfängern für Sauberkeit und übernimmt die Aufsicht während der Öffnungszeiten. «Ein kultureller und ein sozialer Ansatz gehen hier Hand in Hand», sagt Projektleiterin Elisa Volonterio.

Nicht nur Kunst, auch Co-Working und Co-Eating

Chiasso sei ein Städtchen mit besonders hoher Quote an Sozialhilfeempfängern. Dank «Frequenze» könnten sich einige zumindest teilweise in das soziale Leben eingliedern. «Zudem haben wir das Mandat erhalten, die Kunst aus ihren angestammten Räumen wie Museen herauszubringen», präzisiert Volonterio.

Etwa in einen Kunstraum an der Viale Volta. Den betreut eine junge Frau aus Eritrea, die seit acht Jahren in Chiasso lebt, aber keine Arbeit findet. «Das ist jedenfalls besser, als immer nur zu Hause zu sitzen», sagt sie. Und erklärt, wie man die Kopfhörer zu den Ausstellungsobjekten bedient.

Zurzeit wird hier die Videoinstallation «Su l’Umano sentire» gezeigt, in der Souvenirs an ein Lugano der Vergangenheit erinnern. Drei Tage pro Woche kommt die junge Frau zum Kunstraum, der auch an Sonntagen geöffnet ist. Die Sozialhilfebezüger erhalten einen monatlichen Zustupf von 300 Franken, um einen Anreiz zu schaffen.

Als das Projekt im vergangenen Oktober lanciert wurde, sagte Roberta Pantani, welche die Ämter für Wirtschaft und Soziales leitet, mit einer gewissen Ironie: «Unser Ziel ist es, dass das Projekt nicht lange dauert.» Damit wollte sie sagen: Dass möglichst alle Läden schnell wieder bewirtschaftet werden. Jetzt bilanziert sie: «Teilweise haben wir unsere Ziele erreicht.» Einige Läden hätten tatsächlich wieder Mieter gefunden. Leider hätten aber einige Besitzer kein Interesse an der ­Initiative gezeigt.

Nun wird eruiert, ob das vorläufig bis Ende Juni geplante Pilotprojekt weitergeführt und allenfalls ausgeweitet wird. Elisa Volonterio sprüht jedenfalls vor Ideen. Ihr schwebt vor, einen Raum einzurichten, in dem gemeinsam Gesellschaftsspiele gespielt werden oder wo man sich zum Tanzen trifft. Auch Co-Working und sogar Co-Eating ist angedacht. Denn nach Chiasso kommen viele Personen tagsüber nur zum Arbeiten. Sie könnten dann ihr mitgebrachtes Mittagessen gemeinsam einnehmen.

Gerhard Lob

Infos unter frequenze.ch


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