Mit Schelmenblick durch die DDR-Wirren

LITERATUR ⋅ Aus der Perspektive eines Narren schaut Ingo Schulze auf die DDR und die Zeit vor und nach der Wende. Er selber spricht über den distanzierten Blick auf die Ereignisse, die ihm diese Figur erlaubt. Sein Buch liest sich zuweilen recht zäh.
16. September 2017, 04:40

Peter Holtz soll zahlen. Vier Mark fünfzig für eine Portion Eisbein mit Kartoffeln, Sauerkraut und Senf und eine Limonade. Kein Zweifel: Wir befinden uns in der DDR, im Jahr 1974. Nur dort gab es solche Preise. Peter aber kann nicht zahlen. Gerade erst abgehauen aus dem Kinderheim ist er pleite. Er will auch nicht: «Solange ich ein Kind bin, muss unsere Gesellschaft für mich sorgen, egal, ob im Kinderheim oder auf einer Reise an die Ostsee.»

Peter Holtz ist um Argumente nie verlegen. Im Juli 1974 nicht, im September 1988 nicht – und dazwischen auch nicht. Peter Holtz ist ein Schelm, Held in Ingo Schulzes neuem Roman «Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst», das für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Peter Holtz ist Kommunist bis ins Knochenmark und versucht jetzt alles, um dieses System auf Erden Wirklichkeit werden zu lassen, wenigstens in der DDR. Dass die Verhältnisse in der DDR zwar auf dem Papier sehr kommunistisch waren, in Wahrheit aber nicht, merkt Peter Holtz nicht. Nicht in der DDR, nicht während der friedlichen Revolution, nicht im Nachwende-Kapitalismus. Den übersteht Peter Holtz innerlich unbeschadet, äusserlich kommt er wider Willen zu Reichtum und Ansehen. Am Ende sieht er sich als «ersten ökonomischen Häftling». In Wirklichkeit ist er in der psychiatrischen Anstalt.

Ein Schelm, der sich nicht entwickelt

Ingo Schulze, der sich schon in «Simple Storys», in «Neue Leben» und in «Adam und Evelyn» mit den Ereignissen um die Wende herum befasst, hat mit dem Genre des Schelmenromans Freiheiten, aber auch Zwänge erzeugt. So eröffnete ihm der Blick des Narren, wie er kürzlich an einer Lesung im Zürcher «Kaufleuten» berichtete, eine neue Perspektive auf die historisch gewordenen Ereignisse. Er habe so auch über die DDR noch einmal schreiben können, obwohl er darauf zunächst «keine Lust» gehabt hätte.

Es sei «angenehm gewesen», die naive Figur während des Schreibens «vorwärts zu schieben», aber schwer, sie im Kapi­talismus ankommen zu lassen. Doch entwickeln sich Schelme in diesem Genre nicht, das macht die Figur statisch und tendenziell langweilig. Um Peter Holtz herum, da allerdings verändern sich die Verhältnisse.

Man merkt dem ersten Drittel des Romans an, dass der Autor etwas unlustig über die DDR erzählt. Es liest sich zuweilen recht zäh, wenn Holtz immer wieder die DDR-Verhältnisse preist. Und dabei nicht bemerkt, wie diese alle um ihn herum einengen. Auch die seitenlangen theoretischen Abhandlungen ermüden eher.

Sicher, Schulze ist voller Fantasie und schreibt gut. Und einige Ereignisse ragen aus dem etwas trägen Einerlei heraus. Etwa wenn Holtz für die Stasi angeworben wird, aber glaubt, er werde von Experten befragt, die sein Wissen nötig hätten, und er stolz von der Anwerbung berichtet. Damit endet die Stasi-Karriere, bevor sie beginnen konnte.

Je näher die Wende rückt, je mehr sich die Ereignisse überschlagen, umso mehr zieht Schulzes Buch an. Spannend die Rückschau auf die DDR-Zeiten, die Rechtfertigungsversuche, der zunehmende Frust. Und mittendrin Peter Holtz, der religiöse Eiferer, das CDU-Mitglied, das zum Königsmacher mutiert. Einige Politiker dieser Jahre nennt Schulze mit Klarnamen, andere bekommen leicht durchschaubare Pseudonyme, etwa Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR, der zu Joachim Lefèvre wird, oder seine spätere stellvertretende Pressesprecherin Christina Dahlmann, die in Wirklichkeit Angela Merkel hiess.

 

Valeria Heintges

Hinweis: Ingo Schulz: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst. S. Fischer, 576 S., Fr. 32.–.


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