Mysteriöse Kreativität in Schwarz-Weiss

KINO ⋅ Koch-Schütz-Studer und The Young Gods gemeinsam auf Tour: Die Luzerner Künstler Karim Patwa und Davix haben diese Begegnung im atmosphärischen Filmessay «Supersonic Airglow» festgehalten.
18. Juni 2017, 08:27

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Das Ereignis schlug schon durch seine Ankündigung bei Liebhabern von experimenteller Musik einige Wellen: Zwei international renommierte Bands aus der Schweiz wollten für eine Tournee gemeinsam auf die Bühne! Hier die Impro-Könige Koch-Schütz-Studer mit ihrer akustisch-elektronischen «Hardcore Chambermusic», dort The Young Gods, die mit ihrem Einsatz von Loops und Samplern ab Mitte der 1980er- Jahre die moderne Soundkultur des Industrial-Rocks prägten.

Wow, sagten sich auch die beiden Luzerner Künstler Karim Patwa und Davix, als sie zufällig in Bern ein Plakat mit der Tour-Ankündigung erblickten. «Wir fanden das extrem spannend. Beide Bands haben uns seit langem fasziniert. Wir haben verfolgt, was sie machten, wie sie sich veränderten», sagt Karim Patwa. Und jetzt wollten sie zusammen improvisieren, ihren gemeinsamen Sound kreieren. Davix: «Für uns war klar, dass wir das dokumentieren wollten.»

Innert drei Wochen war das Geld beisammen

Die beiden hatten gerade noch drei Wochen Zeit, um mit einer E-Mail-Aktion an Freunde, Fans und Kollaborateure zu versuchen, das Geld zumindest für die Dreharbeiten zu organisieren. Über 100 Personen waren grosszügig, sodass Karim und Davix ihr Film-Abenteuer beginnen konnten. Natürlich hatten sie gewisse Vorstellungen im Kopf und waren selber gespannt, wie diese Begegnung von zwei hochkarätigen Bands verlaufen würde und was sie aus diesem musikalischen Stoff thematisch und atmosphärisch herausholen konnten.

Zwei Kameras und ein Tönler waren permanent mit den Bands zusammen. «Wir haben das Vertrauen gefunden und waren schnell integriert», sagt Davix alias Stefan Davi. Die Absicht war, «beobachtend dabei zu sein, möglichst viel Material zu sammeln und auch die spontan geführten Gespräche der Musiker untereinander einzufangen», erzählt Patwa. Die unbändige Neugier nach Neuem und die Experimentierfreudigkeit zeichnet beide Bands aus. Was ist es, das sie inspiriert? Wie können sie immer so offen und erfinderisch sein? Wie entwickeln sich künstlerische Prozesse, wenn erfahrene Protagonisten wie diese sieben Musiker beteiligt sind?

Ein fliessender und ästhetischer Film

Diesem Mysterium der Kreativität wollten der Filmemacher und der bildende Künstler auf die Spur kommen. Nach dem ersten Sichten des Films muss man sagen: Es ist ein wunderbar ruhig fliessender und auch ästhetisch einnehmender Film geworden, das Mysterium aber hat sich nicht wirklich enthüllt. Vielleicht hätte sich diese Kernidee schärfer fassen lassen, wenn in einem Nachdreh die geplanten Interviews und Besuche bei den Musikern zu Hause das spontan aufgenommene Material ergänzt hätten. Nur: Lassen sich Mysterien enthüllen? Wie klar wollen und können sich Musiker über etwas äussern, das im besten Falle unerklärlich bleibt und, wie alles Grossartige, einfach geschieht?

Das Vorhaben, ein künstlerisch eigenwilliges, umfassenderes Dokufilm-Projekt von 90 Minuten zu realisieren, konnte je­denfalls nicht so realisiert werden wie ursprünglich geplant. Davix: «Wir haben versucht, Produzenten und Geldgeber zu gewinnen. Es hat leider nicht geklappt. Also entschieden wir uns für eine kürzere Version ohne Nachdrehs, um das Ganze nicht noch endlos zu verlängern.»

So wurde das umfangreiche Material Konzert für Konzert gesichtet, radikal gekürzt, alles auf eine einzige Spur übertragen und wieder verdichtet. Zusätzlich gab es weitere Filmsequenzen, die Karim auf seinen Reisen gesammelt hatte und die mit dem Konzertstoff verwoben sein wollten. Am Ende war es der Küssnachter Stefan Kälin, der als erfahrener Cutter («Der Goalie bin ig», «Driften») dem ganzen Rohstoff einen Bogen gab und daraus ei­-ne sanfte Trip-Dramaturgie in Schwarz-Weiss montierte.

Musikalisch sind starke Momente zu erleben, vom geräuschhaften Sondieren über Groove-zentrierte Jams bis zu überraschenden Exploits. Doch evozieren die Konzertausschnitte nicht, dass aus der Begegnung der zwei ausserordentlichen Bands etwas drittes Ausserordentliches passiert wäre. Stattdessen gibt es Annäherungen, wird gesucht, ausprobiert, vom Stapel gelassen, blitzen Glücksmomente auf. Das musikalische Projekt bleibt ein Prozess mit offenem Ausgang.

Musik aus dem Köcher des Unerwarteten holen

Das zeigen auch eingefügte Gesprächsfragmente, in denen die Musiker versuchen, sich über ihre Musik klar zu werden. Wir erleben mit, wie sie darangehen, mit kurzen Sequenzen, die jede Minute radikal wechseln, die Musik aus dem Köcher des Unerwarteten zu holen. Wir sitzen mit ihnen unter einem Baum im Freien und hören, wie sie sich nach ihren ersten Probe-Stunden austauschen – bis zum Zen-mässigen Schluss, der einem wundersam mitten ins Mysterium entlässt.

«Supersonic Airglow» ist ein überraschend poetischer Film geworden. Das kostbare Bruchstück einer Begegnung, das am Ende auch die Filmemacher improvisatorisch beflügelt hat. Mit Kamerafahrten nah am Boden, über elektronische Geräte und Kabel hinweg, hinein in die Mimik der Musiker und ihre Gestik mit den Instrumenten, damit werden essenzielle Momente eingefangen.

Die Schwarz-Weiss-Ästhetik, die in der Nachbearbeitung minutiös verfeinert wurde, setzt dem stimmungsvollen Essay den Glanzpunkt auf. Dazu kommt der ruhige Flow der Montage, das ferne «Step Across The Border»-Gefühl im Verschmelzen von musikalischer und visueller Ebene und die unforcierte Art, einen Prozess geschehen zu lassen. Es ist dieses atmosphärische Ganze, das den Film auszeichnet und einen starken Supersonic Afterglow hinterlässt.

Hinweis

Filmpremiere mit Gästen: Donnerstag, 21 Uhr, Kino Bourbaki Luzern.


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