Nachdenklich auf der Zielgeraden

LITERATUR ⋅ Kurz vor seinem Tod im letzten Sommer schrieb Peter Härtling noch am Roman «Der Gedankenspieler». Das Buch erzählt ungeschönt vom Aushalten der Hinfälligkeit.
16. April 2018, 04:38

Goethe behilft sich mit sanfter Ironie, wenn er die Mühsal der späten Jahre, das Nachlassen der Lebenskräfte ausweichend abtut: «Die Summa Summarum des Alters ist eigentlich niemals erquicklich.» Weniger zurückhaltend klagt Martin Walser, kürzlich 91 geworden. «Das Alter ist eine Zumutung», hört man von ihm seit Jahren. Was ihn nicht daran hindert, tapfer dagegen anzuschreiben. Auch Peter Härtling hat in seinen letzten fünf Lebensjahren noch fünf Bücher veröffentlicht. Das allerletzte ist nun posthum erschienen: Es führt mit sanfter Schonungslosigkeit vor Augen, wie lang und ermüdend, wie komisch, einsam und dennoch voll Lebenshunger die letzte Strecke ist, wenn sie mit wachem Verstand erlitten wird.

Das Leiden an der Hilfsbedürftigkeit

Erzählt wird von einem alten, alleinstehenden Herrn und seiner schrumpfenden Bewegungsfreiheit, seiner «Hinfälligkeit» im buchstäblichen Sinne. Nach einem Sturz und Spitalaufenthalt wieder zu Hause in seiner Wohnung, strukturiert das Kommen und Gehen diverser Pflegedienste seinen Tag; für kleine Fluchten in die nähere Umgebung gibt es kaum mehr Spielraum. Die Hilfsbedürftigkeit macht dem Grantler und Eigenbrötler zu schaffen.

In mancher Hinsicht mag dieser Johannes Wenger, Architekt und Architekturkritiker, dem Autor ähnlich sein. Anfangs ist noch zu spüren, wie Härtling sein Alter Ego auf Abstand hält. Als Wenger jedoch später in Erinnerungen eintaucht, ändert sich das. Über die eigenen Erfahrungen als Flüchtlingskind, das wenig später den Selbstmord der Mutter drastisch miterlebt, hat Peter Härtling immer wieder geschrieben. Ein letztes Mal kommt dieses Trauma hier zur Sprache, knapp und dadurch umso berührender.

Ein «Greisenembryo» und seine Ersatzfamilie

Wenger ist Schöngeist, liebt Literatur und klassische Musik. In einsamen Stunden schreibt er gelegentlich Gedankenbriefe an Baumeister wie Mies van der Rohe, aber auch an die Menschen, die ihm gegenwärtig mit einer anrührenden Grosszügigkeit und Liebe begegnen. Das ist allen voran sein junger Freund und Hausarzt Doktor Mailänder. Dessen Frau und die neunjährige Tochter werden ihm zu einer späten Ersatzfamilie. Doch nicht immer erträgt Wenger die Nähe.

Äusserlich ereignet sich nicht viel; lichter Höhepunkt ist ein Osterurlaub an der Ostsee mit Familie Mailänder. Zuweilen wirkt er wie das Protokoll eines langsamen Sterbens, ungeschönt und unsentimental. Doch auch in der Beschreibung all der pflegerischen, medizinischen Verrichtungen, die Wenger über sich ergehen lassen muss, verteidigt er hartnäckig seine Würde. Er wird wieder zum Kind, aufmüpfig, zuweilen störrisch im Denken. Auf der Intensivstation fühlt er sich wie ein «Greisenembryo», ein «uralter Moses, der ausgesetzt wird, in einem Körbchen im Strom treibt, doch nicht gefunden, sondern vergessen wird».

In seiner vorliegenden Fassung ist «Der Gedankenspieler» nicht von letzter Hand des Autors; sein Lektor Olaf Petersenn und Mechthild Härtling haben, wie es im Nachwort heisst, ihm «einen letzten Dienst erwiesen» und dabei auch den Titel geändert. «Schwefelgelbes Endspiel» war Härtlings Vorschlag. Doch der lakonisch schwebende nimmt dem Roman die Bitterkeit – und macht den Spieler zum Subjekt seiner letzten Lebensphase.

 

Bettina Kugler

Hinweis Peter Härtling:Der Gedankenspieler. Kiepenheuer & Witsch, 204 S., Fr. 28.–


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