Nicht im Nobelpreis-Schema

Seit mehreren Jahrzehnten erforschen Jan und Aleida Assmann, wie kulturelles Gedächtnis entsteht und sich verändert. Nun werden sie für ihre Arbeit geehrt.
12. September 2017, 04:39

Rolf App

Die von der Internationalen Balzan-Stiftung jährlich vergebenen vier Preise gehören zu den an­gesehensten Wissenschaftsauszeichnungen weltweit. Ihr Stifter, der 1874 geborene Eugenio Balzan, war ein italienischer Journalist, der es als Geschäftsführer und Miteigentümer des «Corriere della Sera» zu Einfluss und Geld gebracht hatte. 1933 verliess er aus Protest gegen den Faschismus Italien und liess sich in Lugano nieder, wo er 1953 starb.

Drei Jahre später errichtete seine Tochter mit seinem Vermögen die Stiftung, die gestern in Mailand die diesjährigen Preisträger bekannt gegeben hat. Dotiert sind die Preise momentan mit je 750000 Franken, wobei die Hälfte davon in Nachwuchsprojekte investiert werden muss. Nicht selten kommt es vor, dass Balzan-Preisträger später auch den Nobelpreis bekommen. So hat zum Beispiel der japanische Stammzellforscher Shinya Yamanaka 2010 einen der Balzan-Preise bekommen und zwei Jahre darauf den Nobelpreis für Medizin.

Von der Astronomie bis zur Kultur

Jan und Aleida Assmann, die hierzulande bekanntesten zwei der gestern Ausgezeichneten, dürfte dieses Glück allerdings nicht widerfahren. Ihr Forschungsgebiet passt nicht in das Schema der Nobelpreise, was mit einer anderen Eigenheit der Balzan-Preise zu tun hat: Sie gehen zur Hälfte an Forscher aus Bereichen der Sozial- und Geisteswissenschaften sowie aus Medizin und Naturwissenschaften. Die Preisträger stammen somit auch dieses Jahr aus den verschiedensten Fachrichtungen:

- die deutschen Wissenschafter Aleida und Jan Assmann für ihre Forschungen zum kollektiven Gedächtnis.

- die Inderin Bina Agarwal für ihre Gender Studies, unter anderem zu Gunsten der Förderung von Frauen in der Landbevölkerung des Südens.

- der belgische Astronom Mi­chaël Gillon für seine Suche nach Planeten, die nahe Sterne umkreisen.

- die Amerikaner James Allison und Robert Schreiber für neue immunologische Ansätze in der Krebstherapie.

Ausserdem wurde der Empfänger des letztes Jahr nicht vergebenen Preises für Internationale Beziehungen bekannt gegeben. Es ist Robert Owen Keohane aus Princeton.

Wie bildet sich in einer Gesellschaft ein kulturelles Gedächtnis heraus, wie verändert es sich durch Umbrüche, wie wir es etwa im zwanzigsten Jahrhundert mit den beiden Weltkriegen erlebt haben? Dieses faszinierende Forschungsgebiet haben Jan und Aleida Assmann recht eigentlich entwickelt und auch in vielen Büchern populär gemacht.

Was unser Zusammenleben prägt

Jan Assmann ist Ägyptologe und Religionswissenschafter, seine Frau kommt von Anglistik und Ägyptologie her. Eines ihrer grossen Themen ist die Herausbildung des Monotheismus. Mit ihm einher geht die Entwicklung eines absoluten Wahrheitsbegriffs. Er schliesst das Nebeneinander abweichender religiöser Überzeugungen aus, wie es in der Antike verbreitet war. Deshalb, erklärt Jan Assmann, sei für den Monotheismus ein «Preis» zu bezahlen, der unter anderem in intensiven religiösen, kulturellen und politischen Auseinandersetzungen besteht. Was in grauer Vorzeit seinen Anfang nimmt, hat deshalb Auswirkungen bis in die Gegenwart, bis in den Terrorismus unserer Tage.

Trotzdem ergibt sich aus ihren Forschungen keine pessimistische Weltsicht. «Man muss um katastrophische Verläufe wissen, um sie zu vermeiden», haben Jan und Aleida Assmann vielmehr vor sieben Jahren in einem Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» erklärt. Denn: «Im Zentrum aller Kulturen steht die Einsicht, dass es unter Menschen zu gefährlichen Reibungen kommen kann.» Deshalb sei Abkühlung so wichtig.


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