Oper geht auch anders

VERKEHRTE MUSIKWELT ⋅ Das Opernhaus Zürich präsentiert Donizettis «La fille du régiment» konzertant. Dafür stellt das Tonhalle-Orchester eine Haydn-Oper durchinszeniert auf die Bühne des Provisoriums Maag.
12. Januar 2018, 07:44

Tobias Gerosa

Was braucht eine Oper, um zu funktionieren? Ihre Faszination entsteht eigentlich durch das Zusammenwirken von Musik, Text und Theater, das in den hochkomplexen Opernhäusern mit grossem Aufwand immer wieder versucht wird. Was passiert, wenn man das eine davon weglässt? Das Opernhaus Zürich brachte im Dezember dreimal Gaetano Donizettis «La fille du régiment» auf die Bühne und nannte die Aufführungen «konzertant»: ohne Bühnenbild, in Konzertbegleitung – allerdings mit erfreulich viel Theatralität. Das Tonhalle-Orchester dagegen verwandelt das Konzertpodium seines Provisoriums Tonhalle Maag in eine veritable Opernbühne. Geht das?

Frauenpower im Opernhaus

Im Opernhaus erfreulich gut, auch wenn der vorgesehene Tenor für die berühmte Arie mit den neun hohen Cs kurz vor der Premiere ersetzt werden musste. Die klassische Dreiecksgeschichte mit dem Sopran zwischen Tenor-Liebhaber (René Barbera) und Bariton-Vaterfigur verlangt nicht zwingend eine szenische Deutung – nett ausgedrückt. Sie ist im Militärmilieu angesiedelt, was für die Musik wichtiger ist als für die Geschichte, was die aufstrebende Dirigentin Speranza Scapucci mit enormer Verve und knackigen Tempi schlagend hervorhebt. Sie treibt die Handlung an, hält die Sänger (unter ihnen die fantastisch singende und spielende Sabine Devieilhe als Marie) durchaus an der kurzen Leine, weiss aber auch genau, wo sie loslassen kann und muss. Wenn diese konzertanten Aufführungen auch etwa wie ein Bewerbungsgespräch waren, hat sich Scappucci auch durch ihr Stilbewusstsein für diese italienisch-französische Melange sehr empfohlen. Während der Chor in Frack und Konzertformation hinter dem Orchester stand, agierten die Solisten notenlos vor den In­strumentalisten – und durchaus spielend. Das ergibt ein musikalisch hochkarätiges, unterhaltsames Ganzes. Wäre man damit auch zufrieden bei einem Stück, das inhaltlich mehr bietet als diese harmlose Komödie – die sprechend im «Gute Laune-Abo» angeboten wurde?

Konzertpodium als Autoparkplatz

Die Tonhalle gibt darauf keine wirkliche Antwort, wenngleich auch dort eine Komödie gespielt wird und auch ihr Versuch an sich gelingt. Das Konzertpodium ist grad ganz in eine Opernbühne umgenutzt worden. Das klein besetzte Orchester rückt auf der rechten Podiumshälfte zusammen, links lässt die Regisseurin Eva Buchmann neben ein paar Pfosten und einer Lichterkette einen Fiat 500, diese Ikone der herzigen Italianità, zum Spielplatz für Joseph Haydns «Lo Speziale» («Der Apotheker») werden.

Das Konzept inklusive Solisten und Dirigent ist sicht- und hörbar erprobt, es war und ist auch anderswo zu sehen, nur das Orchester ist von hier. Das Stück ist zwar weniger bekannt als «La fille du régiment», aber wie dieses drängt es auch nicht unbedingt auf die Bühne. Was in der Tonhalle zu sehen ist, macht Effekt, bietet witzige und rasche Wechsel, ein paar Gags, ist aber auch ziemlich beliebig, wie auch die Personenführung ganz in den Konventionen bleibt: Opera buffa, leichte Unterhaltung. Dirigent Jan Willem de Vriend hält das gut zusammen, arbeitet hörbar an den Farben, aber die Musik befeuert er nicht. Das Tonhalle-Orchester wirkt nicht sonderlich gefordert. Warum jetzt gerade die Tonhalle das so machen muss, bleibt offen, genauso wie die drei Akte nach 90 Minuten auch schon vorbei sind, ohne dass sich eine Melodie besonders eingeprägt hätte.

Konzertante Vorlage in Luzern

Als am Luzerner Theater der neue Intendant Benedikt von Peter 2016 sein festes Opernensemble kennen lernen wollte, setzte er Rossinis «L’italiana in Algeri» auf den Spielplan. «Halbkonzertant» sei diese Komödie, hiess es, was zwar auch den Verzicht auf ein Bühnenbild bedeutete, aber so hinreissend gespielt war, dass keine Wünsche offenblieben. Das gelang ganz ohne eingekaufte Starsänger, durch Genauigkeit (und, zugegeben, ein besseres Stück). Daran kommen jetzt weder das Opernhaus noch die Tonhalle wirklich heran: also, nochmals versuchen. Oper kann so funktionieren.

Letzte Vorstellung in der Ton­halle: Sa, 13. Januar.

Anzeige: