Opfer oder Hauptdarsteller?

KUNST ⋅ Frauen, die für Künstler posieren, sind nichts Neues – dass sie ernst genommen werden, allerdings schon. Eine Ausstellung spürt dem künstlerischen Phänomen über Jahre nach.
02. Dezember 2017, 08:27

Sabine Altorfer

kultur@luzernerzeitung.ch

Schöne Frauen, die sich für Maler ausziehen und posieren: Das Phänomen ist so alt wie die Kunstgeschichte. Auch im Zeitalter von Performance und Video hat sich die Rollenverteilung erhalten – sie ist sogar offensichtlicher und öffentlicher geworden. Allerdings mit neuen Facetten. Yves Klein liess 1960 in einer Pariser Galerie drei hübsche, junge Models auftreten, die sich gegenseitig mit seiner typischen blauen Farbe bemalten und danach Abdrücke ihrer Körper auf Papierbögen produzierten – vom Publikum voyeuristisch beguckt.

Das Video wirkt aus heutiger Sicht erstaunlich unbefangen: Rollenklischees oder die Degradierung der Frauen zum Objekt werden offenbar ohne Bedenken inszeniert. Von politischer Korrektheit oder feministischen Anliegen ist da gar nichts zu spüren.

Anklage des Systems oder Ausnutzung

Hat sich das geändert? Das fragt die Ausstellung «Extra Bodies» im Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich. Die italienische Künstlerin Vanessa Bee­croft liess eine Gruppe von Models stundenlang nackt und in High Heels posieren – bis die Frauen entkräftet zu Boden sanken. Ist es nun Demaskierung und gar Anklage des Systems oder doch einfach Ausnutzung der Frauen für publikumsträchtige Performances und zugkräftige Fotografien? Wenn eine Künstlerin sich selber malträtierte – wie es Marina Abramovic in den 1970er-Jahren in ihren Aktionen tat –, war es ihr freier Entscheid, ihr eigener Körper. Aber darf Bee­croft von Schauspielerinnen einen solchen Einsatz verlangen?

Unwohlsein löst auch Santiago Sierra aus, wenn er zwei Asylbewerber anstellt, die einen sechs Meter langen, schweren Balken auf ihren Schultern halten und gegen die Wand drücken müssen. Nützt er sie aus oder lesen wir seine fotografische Dokumentation als Protest gegen das amtliche Arbeitsverbot, das Asylsuchenden allenfalls minderwertige Tätigkeiten erlaubt, für die keine anderen Kräfte gefunden werden?

Aussenseiter statt nackter Frauen

Anders als Beecroft oder Klein wählt Santiago Sierra seine Modelle nicht nach äusseren Kriterien (Frau, hübsch, nackt), sondern nach ihrer sozialen und ­gesellschaftlichen Stellung aus. Ein Einzelfall ist er damit nicht. Künstlerinnen und Künstler arbeiten seit den 1990er-Jahren vermehrt mit Aussenseitern, Flüchtlingen, Fremden oder Alten. Also mit den Underdogs der Gesellschaft, deren Rolle sie beklagen, anwaltschaftlich vertreten – die sie aber auch für ihre Zwecke einsetzen.

Ai Weiwei hat 2012 tausend Chinesinnen und Chinesen zur Documenta nach Kassel einfliegen lassen, um Durchschnittsbürgern eine solche Reise und den exklusiven kulturellen Zugang zu ermöglichen. Er erzielte damit Schlagzeilen. «Die Chinesen» wurden bestaunt, ihre liebevoll gestalteten Porträts sind zusammen mit 1000 antiken Stühlen zum Kunstwerk konserviert worden. Ob sie und die Bevölkerung von Kassel aber denselben Nutzen aus der Aktion gezogen haben wie der Künstler und der Kunstbetrieb? Als Besucher finden wir es zumindest lustig, dass wir uns auf die Stühle setzen dürfen.

«Der Körper ist zu einer Währung im globalisierten Wirtschaftssystem geworden», erklärt Kurator Raphael Gygax, der das Thema der Statisten (auf englisch «Extra Bodies») auch in seiner Dissertation wissenschaftlich aufgearbeitet hat. Doch, analog zur Globalisierung, hinterlässt auch diese Auswirkung im Kunstkontext zwiespältige Gefühle.

Guy Ben-Ner gibt Filmworkshops für Flüchtlinge in Palästina: eine gute und anregende Sache. Engagiert dokumentiert Artur Zmijewski Flüchtlinge und ihre Behausungen in Calais, wenn sie dann aber theatralisch neue Schuhe bekommen oder symbolisch den Boden wischen müssen, wird’s einem unbehaglich.

Projekt mit Gefängnisinsassinnen

Auch wenn Zmijewski Warschauer Gefängnisinsassinnen einen halben Tag lang Gelegenheit bietet, sich von Profis schminken, frisieren und einkleiden zu lassen, ist das verdienstvoll und macht den Frauen Spass. Aber ist es mehr? Was überwiegt, wenn die Filmer die Dokumentationen als Kunstwerke zeigen: der Einblick in eine fremde Welt, ihr gutgemeintes gesellschaftliches Engagement oder ihr Profit als Künstler?

Das ungute, zwiespältige Gefühl lösen vor allem Arbeiten aus, bei denen man ein (gewolltes oder ungewolltes) Machtgefälle spürt. In denen Statisten nach der Pfeife des Künstlers agieren. Vielleicht wirkt deshalb die Seniorinnen-Punkband so umwerfend lustig, die im Video von Christoph Büchel die Sex-Pistols-Version von «God Save The Queen» nicht nur mit Power, sondern auch mit viel Lust imitiert und zersingt.

Hinweis

«Extra Bodies», Migros-Museum für Gegenwartskunst, Zürich; bis 4. Februar 2018.

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