Poetisch-naturwissenschaftliche Erkundungen

KUNST ⋅ Der Aargauer Künstler Lorenz Olivier Schmid hat in der Kunsthalle Luzern ein Laboratorium aufgebaut. Darin untersucht er Naturphänomene an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft. Ein minimalistisches Konzept mit raffinierten Arbeiten.
08. Oktober 2017, 08:58

Der Aargauer Künstler Lorenz Olivier Schmid (*1982) regt mit seinen Arbeiten zu philosophisch-poetischen und chemisch-physikalischen Reflexionen an. Auftakt seiner aktuellen Ausstellung «Licht- und Schattenfuge» in der Kunsthalle Luzern bildet eine grüne Neonschrift als Wandinstallation: Die filigrane Lichtzeichnung aus den zu geometrischen Figuren zusammengesetzten Linien und Buchstaben bezeichnet die chemische Strukturformel des Leuchtstoffs eines Glühwürmchens. Analog zum Leuchtstoff des lumineszenten Käfers und der durch ihn erhellten Umgebung speist sich die Farbgebung des Neonlichts aus zwei Grüntönen.

Schmetterlingskörper sichtbar machen

Von einem physikalischen Phänomen handelt auch das Insektenpräparaten zugrunde liegende Readymade «Souvenirs entomologiques» (2017). In einer vom Künstler gewählten Auslegeordnung liegen auf einem Tisch ehemals als Präparategläser gebrauchte Transparentplatten. Erst durch deren Verdunkelung mittels eines kegelförmigen Rohrs werden die über Jahrzehnte durch Ablagerungen von Staub und Fett auf den Gläsern eingeschriebenen Schmetterlingskörper der Sichtbarkeit überführt. Die von den Faltern hinterlassene latente Spur auf den Gläsern wirkt wie eine aus Versehen entstandene Aufzeichnung. Sie ist aber ebenso das bildgewordene Resultat eines physikalischen Prozesses.

Sein Interesse an der Reaktion kollidierender Stoffe stellt Schmid in der Arbeit «Spannungsfeld» (2017) unter Beweis. Die aus acht rechteckigen sowie zerrverspiegelten Glasplatten konzipierte Arbeit beruht auf der handwerklichen Methode der Eisblumierung. Ihren Namen verdankt die Technik dem Oberflächenornament, das entsteht, wenn mit Knochenleim bestrichenes Glas durch die Trocknung eisblumenartige Risse zurücklässt. Der Titel der Arbeit verweist auf die starken Spannungen, die der trocknende Klebstoff aufgrund seines Zusammenschrumpfens und seiner festen Zugkraft auf die Glasfläche ausübt, und ist somit zugleich ein lakonischer Kommentar zum Entstehungsprozess der schimmernden Ornamente.

Seit kurzem zieren Schmids Eisblumen auch die Fenster der von Seiler Linhart Architekten neuerbauten Totenkapelle in Buochs.

Science-Fiction und Tagebucheinträge

Der Titel der Ausstellung hingegen ist von der Installation «Kleine Licht- und Schatten­fuge» (2017) inspiriert, die im ­Kabinett zu sehen ist. Anlässlich dieser Arbeit hat Schmid essayistische Tagebucheinträge, eine apokalyptische Science-Fiction-Vision sowie Zitate von Gaston Bachelard und Georges-Didi Huberman auf die Rückseite von sechs entspiegelten Glasplatten lasergraviert. Durch ­ das die Platten beleuchtende Scheinwerferlicht schreibt sich einerseits die Silhouette des Betrachters als flüchtiger Schatten in die Arbeit ein. Andererseits werfen die ins Glas gravierten Texte selbst einen lesbaren Schatten auf die Wand.

Mit der Paraphrase des ma­gischen Quadrats à la Albrecht Dürer durch im Quadrat angeordnete Wartezettel der Post bringt Schmid auch den Aspekt der Mathematik in seinen phi­losophisch-naturwissenschaftlichen Kunstkosmos.

Dem minimalistischen Konzept, dem die auf wenige Ausstellungsexponate reduzierte Schau verpflichtet ist, steht der kompakte Inhalt der raffinierten Arbeiten Schmids gegenüber.

 

Tiziana Bonetti

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Lorenz Olivier Schmid, «Licht und Schattenfuge». Kunsthalle Luzern. Öffnungszeiten: Mi bis Sa, 15 bis 20.30 Uhr; So, 14 bis 18 Uhr. Bis 5.11. www.kunsthalle-luzern.ch

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