Psychokrimi in der Unterwelt

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Der Zyklus mit allen drei Monteverdi-Opern war als diesjähriger Festival-Höhepunkt vorprogrammiert. Tatsächlich überrascht John Eliot Gardiners «Orfeo» mit Realitätsnähe.
24. August 2017, 04:40

Urs Mattenberger
urs.mattenberger@kultur.ch

Am Mittwoch war man gespannt, ob Radio Habibi in seiner dritten, live im Foyer ausgestrahlten Sendung auf das Konzert der English Baroque Soloists und des Monteverdi Choir unter John Eliot ­Gardiner verweisen würde. Aber die von Migranten moderierten Interviews dokumentieren in diesem Flüchtlingsprojekt zum Thema Identität neben Festival-Projekten auch die Schwierigkeiten des thematisierten multikulturellen Austauschs.

Statt geschliffenen Moderationen gibt’s einen sympathischen Sprachenmix. Auf die Frage, wieso in der Festival-Academy keine Musiker aus Afrika vertreten sind, verwiesen die ­Befragten auf die dort fehlende Klassik-Tradition. Umgekehrt wird bei Radio Habibi kaum klassische Musik gespielt. Am spannendsten waren am Mittwoch Statements von Mitwirkenden im Flüchtlingsprojekt «Idomeneo». Wie sie, die «vor dem IS-Terrorismus geflohen» sind, ein anderes Bild von Flüchtlingen vermitteln wollen, kann man nachhören im Internet.

Meditation und Drama

Das stimmte auf das «40min» zur Mozart-Oper ein, hatte aber mit dem späteren Konzert nichts zu tun. Dabei bewies gerade dieses, wie einst der Austausch der Kulturen war. Wenn in der Oper «Orfeo», dem Auftakt zu Gardiners Monteverdi-Trilogie, die Sänger ihre Stimmen flattern lassen wie Bänder im Wind, erinnert das an schlingernde arabische Gesänge. Erst recht, wenn man das Signet von Radio Habibi im Ohr hat. Da wetteifern arabische Lauten miteinander, wie man es im farbig besetzten Monteverdi-Orchester hörte. John Eliot Gardiner, der einst Arabistik studiert hat, wäre wohl ein idealer Gesprächspartner gewesen für die vielleicht allzu sehr sich selbst überlassenen Radiomacher.

Die Überraschung des Abends kam im Konzertsaal. Der einst sportliche Originalklang-Dirigent Gardiner spitzte die Musik dieses Urknalls der Operngeschichte zu, indem er sie auch auf Elementares zurücknahm. Dazu gehörten zwar lustvolles Fanfare-Schmettern oder ein aufstampfender Hochzeitstanz für Orfeo und Euridice. Und nach deren Tod setzten Lauten, Cembalo und Streicher Akzente mit einer Heftigkeit, als schlügen sie Nägel ein.

Aber auffällig war, wie Gardiner Tempo und Lautstärke ins Meditative zurücknahm. Darauf musste sich das Ohr erst einstellen. Das schlanke Musizieren und die zum Teil aus dem schlagkräftigen Chor besetzten solistischen Stimmen wirkten zunächst im Saal verloren. Aber sie profitierten zunehmend von einer Akustik, die selbst den Ghost-Notes nach Orfeos Gang in die Unterwelt eindringliche Präsenz gab.

Zittern vor der Wand

Wie da die Gegensätze aufeinanderprallten, gab diesem Spiel dann doch eine unglaubliche Dramatik. Die Regie von Elsa Rooke , die die Darsteller auf der gestaffelten Bühne menschlich agieren liess, bereitete sie vor mit dem Wechsel von weissen Gewändern beim Hochzeitsfest zum Schwarz der Unterwelt, über die die erhöht postierten Bläser wie Zeremonienmeister wachten.

In diesem Rahmen kam der Kampf zwischen Tod und Leben, zwischen ehernem Gesetz und zerbrechlichem Menschen schon in der Wahl der Stimmcharaktere frappant zum Ausdruck. Vom furchterregenden Bass von Gianluca Buratto in der Rolle des ­Unterweltswächters und -herren (Caronte/Plutone) prallte der seismografisch zitternde Tenor des Orfeo von Krystian Adam zunächst ab wie an einer Wand. Spannend wie in einem Krimi erlebte man mit, wie dieser Orfeo dennoch vorübergehend Euri­dice zurückgewann. Tonloses Betteln, die mit tenoralem Schmelz aufblühende Hoffnung oder eine Raserei, die selbst den Radio-Habibi-Jingle zahm klingen lässt: All das bot über traumhafte barocke Vokalkunst hinaus bedrängenden Psychorealismus. Da fragt man sich gespannt, wohin dieser in den immer realitätsnäheren weiteren Opern dieses Monteverdi-Zyklus – mit den erwähnten Sängern – führen wird.

 


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