RAF im Schrebergarten

POLITKRIMI ⋅ Auch in der Schweiz gab es Unterstützer der Rote-Armee-Fraktion. Der Alt-68er Willi Wottreng hat darüber einen klugen Roman geschrieben. Verblüffend: Er schreibt aus der Sicht eines pensionierten Polizisten.
15. Juli 2017, 09:25

Hansruedi Kugler

Ein Krimi ist dieses Buch streng genommen gar nicht, auch wenn ein Banküberfall und ein Mordversuch geschehen. Vielmehr ist es ein genaues Porträt einer Generation – geschrieben von einem Insider, der mit einem menschenfreundlichen und lustvoll selbstkritischen Blick zurückschaut. Vor vierzig Jahren standen die beiden fiktiven Hauptfiguren in Willi Wottrengs Roman ideologisch in feindlichen Lagern: Der Stadtpolizist Ernst Schläpfer und die Fotografin und 68erin Liz Sauter. Nun lernen sie sich allmählich kennen. Misstrauisch zwar, aber mit einer uneingestandenen Sympathie – im Frühling 2008, in einem Schrebergarten, wo sich beide ein Refugium einrichten. Man erfährt nach und nach: Schläpfer war bei einer Schiesserei 1979 im Bahnhof Zürich von einem Terroristen der Rote-Armee-Fraktion angeschossen worden (keine Fiktion: der Terrorakt geschah am 19. November 1979) und arbeitete anschliessend in der Fichen-Abteilung als Spitzel. Liz Sauter hatte demselben Terroristen Unterschlupf gewährt. Sie hält auch vierzig Jahre danach trotzig an ihren Idealen fest und verhilft in einer mutigen, spektakulären Aktion einer polnischen Wäscherin zu einer Existenz.

Allmählich von der Vergangenheit eingeholt

Die Rebellin und der Ordnungsfanatiker: Willi Wottreng, selbst ein erklärter 68er und profilierter Journalist, macht aus dieser zeitgeschichtlich brisanten Kombination einen spannenden Roman, in dem die Figuren allmählich von ihrer Vergangenheit eingeholt werden – und dabei immer selbstkritischer werden. Er zeichnet einfühlsame und differenzierte Porträts. Zudem kennt er die jeweiligen Milieus aus­gezeichnet: Auf der einen Seite kennt er die freigeistige Lebenslust, den rechthaberischen Idealismus und die endlosen Debatten der Alt-68er wohl aus eigener Erfahrung. Liz Sauter streitet denn auch seitenlang mit ihrem Partner Tobias, der eine Sterbehilfeorganisation leitet, über die ausgebleichten Ideale der 68er. Anderseits schildert Wottreng die ruppige Staatsgläubigkeit, die ständige detektivische Anspannung und die konservativen Werte der Macho-Polizisten, die aber untereinander ein hohes Mass an Solidarität demonstrieren. Er hat viele Gespräche mit Polizisten geführt. Auch mit dem damaligen Staatsanwalt Marcel Bertschi, «der übrigens als scharfer Hund galt», sagt der Schriftsteller. Den 1979 angeschossenen Polizisten Bernhard Pfister hingegen habe er nicht getroffen.

«Es gab auch in der Schweiz Sympathisanten der RAF»

Ein Skandalroman? Eine Abrechnung? Nein. Dennoch, Willi Wott­reng sagt: «Es gab Sympathisanten, die der Stadtguerilla oder einzelnen ihrer Personen in Deutschland oder Italien halfen. Mit Wohnungen, Informationen oder Beschaffung von Waffen.» Dass er diese Alt-Revoluzzer mit Hang zur Resignation, Selbstekel und tapferem Idealismus schildert, macht das Buch menschlich und unideologisch. Und dass ein Alt-68er wie Wottreng mit dem pensionierten Fichen-Polizisten Schläpfer ein sympathisches Rauhbein zur Hauptfigur macht, verblüfft und macht den Roman erst recht zum Lesegenuss.

Das Buch wird so zum scharf beobachtenden Milieuroman, der versöhnlich endet, auch wenn am Schluss eine der beiden Hauptfiguren tot ist. Wottreng sagt dann auch: «Mir war es ein Vergnügen, den Polizisten Schläpfer zu beschreiben.» Man darf darin auch eine Konstante sehen. Wottreng hat Bücher über Aussenseiter geschrieben: Edelprostituierte, Rockerboss, Geldfälscher. Legendär sind seine Nachrufe, in denen er Menschen in verschiedensten Winkeln der Gesellschaft zu verstehen suchte: «Vor allem, wenn diese am Rand standen oder diskriminiert wurden – oder wenn sie Brüche in ihrer Biografie aufweisen», sagt er. «Da darf einer auch erzkonservativ sein.»

Anzeige: