Reale Entführung stark umgesetzt

KINO ⋅ Es ist die Verfilmung einer spektakulären Entführung inklusive Nachdreh nach Skandal: «All The Money In The World» von Ridley Scott basiert auf einer wahren Geschichte aus dem Jahr 1973. Und überzeugt.
14. Februar 2018, 04:40

Barbara Munker (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Es ist eine der spektakulärsten Entführungsgeschichten: Im Juli 1973 wurde der Milliardärs-Enkel John Paul Getty III. in Rom von Mitgliedern der kalabrischen Mafia verschleppt. Zwei Tage später erhielt seine Mutter Gail einen ersten Anruf, in dem die Kidnapper 17 Millionen Dollar Lösegeld forderten. Fünf Monate blieb der damals 17-Jährige in der Hand der skrupellosen Entführer, sein steinreicher Grossvater – der Ölmilliardär Jean Paul Getty – weigerte sich zunächst, das Lösegeld zu bezahlen.

Erst als die Kidnapper dem jungen Getty das rechte Ohr abschnitten und es einer Zeitung zuschickten, lenkte der Grossvater ein und zahlte schliesslich rund 2,8 Millionen Dollar.

Kevin Spacey wurde herausgeschnitten

Starker Stoff für den Thriller «All The Money In The World» des britischen Regie-Stars Ridley Scott («Alien»). Doch für den 80-jährigen Filmemacher kam das Drama, kurz nach Fertigstellung des Films im November, noch dicker. Ein schlagzeilenträchtiger Skandal um Vorwürfe mehrerer Männer gegen Darsteller Kevin Spacey wegen sexueller Belästigung veranlasste Scott zu einem radikalen Schritt.

Sechs Wochen vor dem geplanten US-Kinostart schnitt er alle Szenen mit Spacey in der Rolle des Ölmilliardärs Jean Paul Getty heraus und drehte sie kurzerhand mit Christopher Plummer nach. «Der ganze Umstand ist traurig», erklärte Oscar-Preisträger Plummer («Beginners»), doch nun wollte er der Rolle seinen eigenen Stempel aufdrücken.

Pech für Spacey, aber am Ende ein Glücksfall für den Film und die Zuschauer. Plummer ist die perfekte Besetzung, altersmässig und in seiner stoischen Verkörperung des von Geld besessenen, geizigen Ölmagnaten, der damals als reichster Mann der Welt zurückgezogen in seinem englischen Schloss wohnte.

Sein in nur wenigen Tagen abgedrehter Auftritt brachte dem kanadischen Star jetzt seine dritte Oscar-Nominierung ein. Mit 88 Jahren ist er der älteste nominierte Schauspieler in der Geschichte der Oscars, die am 4. März zum 90. Mal verliehen werden.

Es ist nur eine Nebenrolle, doch in «All The Money In The World» ist Getty der Angelpunkt, um den sich alles dreht. Man nimmt es Plummer ab, wenn er mit eiskalter Miene verkündet: «Ich habe 14 Enkel. Wenn ich nur einen Penny Lösegeld zahle, habe ich 14 entführte Enkel.» Er ist ein grimmiger Geizhals, der im Hotelzimmer seine Sachen selber wäscht und die Gäste in seinem Herrenhaus für ihre Telefonate zahlen lässt. Nur seine Unternehmen und seine Kunstsammlung bedeuten ihm etwas, Menschen wollten ihm nur das Geld aus der Tasche ziehen. «Darum liebe ich Dinge, sie enttäuschen nie», raunzt Christopher Plummer mit versteinertem Gesicht.

Geflecht von Thriller, Krimi und Familiendrama

Die wenigen Szenen mit Plummer sind die Höhepunkte in Scotts dichtem Geflecht von Thriller, Krimi und Familiendrama. Nur die vierfach Oscar-nominierte Schauspielerin Michelle Williams («Manchester By The Sea») kann Plummer das Wasser reichen. In der Rolle der verzweifelten Mutter des entführten ­Jungen bettelt sie ihren Ex-Schwiegervater um Geld an, konfrontiert ihn wütend, sucht unermüdlich nach einer Lösung.

Mark Wahlberg spielt einen von Getty bezahlten Sicherheitschef, der den entführten 17-Jährigen aufspüren soll. Immer mehr legt er sich mit seinem Boss an, schlägt sich auf die Seite der Mutter, schützt sie vor dem Ansturm der Paparazzi und der Polizei. Doch an der Seite von Williams verblasst Wahlberg völlig. Beide mussten im November ihre Szenen mit Plummer nachdrehen.

«Auf wahren Begebenheiten basierend» heisst es am Anfang des Films, und tatsächlich nimmt sich Scott bei den Fakten einige Freiheiten heraus. So konstruiert er eine Geschichte um einen der Kidnapper (Romain Duris), der für den in einem Schuppen gefangenen John Paul (gespielt vom 18-jährigen Amerikaner Charlie Plummer, nicht mit Christopher Plummer verwandt) zunehmend Mitleid empfindet.

Schonungslos zeigt Scott, wie die Entführer sein Ohr abschneiden. Die Übergabe des Lösegelds und die Freilassung des Opfers enden mit einem grossen Showdown, im Hollywood-Stil kräftig aufgebauscht. Auch wenn Scott im Ansatz eine Charakterstudie über Reichtum, Geiz und Machtgier gelingt, so ist es am Ende ein Thriller, der mit dem reichsten Mann der Welt hart ins Gericht geht.


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