Rock ‘n‘ Roll mit E-Zigarette

LUZERNER THEATER ⋅ «Tanz 27: Roll ’n’ Rock It!» feierte am Freitag Premiere. Zwei Schweizer Erstaufführungen und eine Uraufführung sorgten für Stimmung, Dynamik und auch enthüllte Schönheit.
15. April 2018, 09:42

Metallische Töne durchbohren die Ohren im Luzerner Theater zu Beginn. «Is everybody in?», fragt Jim Morrison von The Doors via Lautsprecher. Aus dem Halbdunkel kreischt es laut. «Is everybody in? The ceremony is about to begin. Wake up!» Vorne liegt ein Körper auf dem Boden. Ein paar Groupies geben sich den kratzigen Rhythmen hin. Sie bewegen sich synchron und schwungvoll auf einem Haufen – als wären sie die Hand des Bassisten. Oder etwas später – als wären sie die Saiten, die reissen, in alle Richtungen ausreissen.

«Flying High» heisst die Uraufführung von Fernando Hernando Magadan. Sie bildet mit «Äffi» von Marco Goecke und «I New Then» von Johan Inger ein «Triple». Für jede Choreografie steht eine Musik-Ikone: Jim Morrison, Johnny Cash und Van Morrison. Das hört sich in Zeiten von Digitalisierung und Virtualisierung handfest an.

Es bleibt dunkel auf der Bühne. Die raumhohen Boxen sind kaum erkennbar. Wo respektive wer ist Jim Morrison hier? Giovanni Insaudo gibt gerade den Rockstar: Breitbeinig steht er da und zeigt mit dem Finger ins Publikum. Später rückt Carlos Kerr Jr. seine Muskeln ins Scheinwerferlicht. Wie ein Pokal wird zwischendurch Sada Mamedova hochgestemmt. Wie viele Jim Morrisons gibt es im Stück? Tom van de Ven löst sich gerade aus den Händen von Groupies.

Choreograf Fernando Hernando Magadan zeigt den charismatischen Musikstar als Stimmung, die im Lauf des Stücks den einen oder anderen Körper annimmt. Für ihn ist Jim Morrison der «Inbegriff eines Rockstars». Vielleicht sollte man noch das geruchlose Räuchlein auf der Bühne durch echten Rauch ersetzen.

Elf Minuten mit physischer Präsenz

Mit Spannung wird nach der Pause «Äffi» erwartet. Den Klassiker von Starchoreograf Marco Goecke haben seit der Uraufführung 2005 schon einige Stars getanzt: Arman Zazyan, Damiano Pattenella, David und William Moore, sogar Katja Wünsche. Mit dem Deutschen Theaterpreis als «bester Darsteller Tanz» wurde Marijn Rademaker ausgezeichnet.

In Luzern ist Louis Steinmetz auf der Bühne. Etwas Licht fällt von oben auf den nackten Rücken. Seine Hände berühren sich im Nacken, die Arme sehen wie ein Flügelpaar aus. Während er so den Körper durchwellt, singt Johnny Cash «Ich verletze heute mich selbst, um zu sehen, ob ich noch was fühle (...)». Der junge Tänzer lässt sein Inneres nach aussen flattern. Zwischendurch ist vielleicht ein echtes Nervenflattern im Spiel. Doch der junge Solist meistert die elf Minuten mit physischer Präsenz. Bis in die Zeigefinger gibt er Energie. Die Beine klappt er elegant nach aussen hoch. Das Tätscheln auf dem glänzenden Körper geht in lauten Applaus des Publikums über.

Die dritte Rock-Choreografie stammt von Johan Inger. Der Schwede hat bereits über 40 Werke entwickelt – darunter das Stück «I New Then» im Luzerner Theater. Und weil die Tanzwelt so gut vernetzt ist, springt für den leicht verletzten Giovanni Insaudo kurzfristig Jérôme Marchand aus Stockholm ein.

Hinter Zach Enquist, gerade Solist bei Tanz Luzerner Theater, steht also Jérôme Marchand, sonst Solist beim Royal Swedish Ballet. Zu Gitarre und Stimme von Van Morrison heben sie synchron die Arme. Dabei wirkt der eher schmale vor dem eher hünenhaften Körper wie ein verlängertes Ich. Auf einmal schauen sich die beiden an, erweitern ihren Radius und treten mehr und mehr aus der Bewegungseinheit heraus. Auf der Bühne bilden sich dynamische Gruppen. Tänzer springen in die Luft, rollen sich über den Boden.

Neben dieser Lebendigkeit wirken die vielen Stangen am Bühnenrand wie Fremdkörper. Ein Paar verzieht sich zwischen die Stangen. Zach Enquist nimmt von der Bühnenmitte aus Schlüssellochperspektive ein. Tatsächlich: Jérôme Marchand steht dort mit Sandra Salietti Aguilera. «Ooooh!» – der Solotänzer und Komiker bringt den Mund nicht mehr zu. Wendet sich mit grossen Gesten, versucht sein eigenes Ding zu drehen, um wieder einen Blick zum Wäldchen zu wagen. Dort setzten die zwei zum Striptease an. Lautes Staunen. Weitere Körper enthüllen sich, alle schön, athletisch, individuell. Der Vorhang fällt. Nach gut zwei Stunden ist die Musik-Party vorbei.

 

Edith Arnold

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Nächste Aufführung heute 13.30 Uhr. Elf weitere Vorstellungen bis 17. Juni. www.luzernertheater.ch


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