Rührendes und witziges Onkel-Tochter-Drama

KINO ⋅ «Gifted» von Marc Webb ist ein einfühlsames Drama über ein hochbegabtes Mädchen. Der alleinstehende Onkel übernimmt die Vaterrolle für seine kleine Nichte.
15. Juli 2017, 09:36

Welches Umfeld verdient ein hochbegabtes Mädchen? In Marc Webbs Familiendrama «Gifted» stehen sich eine ehrgeizige Grossmutter und ein notorisch unambitionierter Onkel gegenüber und streiten mit Witz und harten Bandagen um die Erziehungshoheit.

Die meisten Erziehungsberechtigten würden da wahrscheinlich dankbar beipflichten: Nach dem ersten Schultag von Mary sagt Lehrerin Bonnie, das Kind sei hochbegabt und gehöre auf eine spezielle Schule. Was sonst, wenn eine Siebenjährige krumme Quadratwurzeln im Kopf ausrechnet und den Abschwung im Euroraum für unausweichlich erklärt?

Onkel Frank (Chris Evans) reagiert allerdings eher verdrossen. Der studierte Philosoph aus Boston, der lieber in Florida Boote repariert, wünscht sich für seine Nichte (Kinderstar Mckenna ­Grace) ein normales Kinderleben ohne Begabten-Programme und Erwartungsdruck. Damit sie sich nicht jung umbringt wie einst ihre Mutter, seine Schwester, die eine geniale Mathematikerin war.

Dann allerdings taucht die förderwütige Grossmutter Evelyn (Lindsay Duncan) auf, ebenfalls Mathematikerin. Sie fährt mit dem Mädchen an die Bostoner Elite-Uni M. I. T. und strengt eine Sorgerechtsklage an.

Diese Handlung erinnert an «Little Man Tate» (1991) von und mit Jodie Foster als überforderter Kellnerinnen-Mutter. Dagegen ist natürlich schwer anzukommen. Trotzdem schafft Drehbuchautor Tom Flynn mit diesem Herzensprojekt einen durchgehend berührenden Film – und Regisseur Marc Webb ist nach der romantischen Komödie «(500) Days of Summer» und dem Superheldenfilm «The Amazing Spider-Man» verantwortlich für die sensible Gefühls-Choreografie.

Durchgehend nuanciertes Spiel

Auch das Spiel ist durchgehend nuanciert und voller Leben, vom rastlosen Kind bis hin zur bedingungslos loyalen Nachbarin (Oscar-Gewinnerin Octavia Spencer). Da stören dann nur wenige ärgerliche Schwächen das Bild. Zum einen ist es seltsam, wie Frank am Ende eine Auflösung aus dem Hut zaubert, die er die ganze Zeit mit sich getragen hat. Zum anderen springen bis zum Happy End alle nach eigenem Gutdünken mit dem Kind um, ohne dessen Wünsche ernst zu nehmen.

Das alles ist in «Gifted» nicht nur ernst, sondern durch die Dialoge und Einfälle des Kindes auch witzig. So fiebert man umso mehr mit, ob das hinreissend eigensinnige Mädchen und der etwas sehr schweigsame Onkel eine Familie bleiben dürfen. Dabei verteilt man seine Sympathien auf mehrere Figuren. Das Wichtigste und gleichzeitig Schwierigste im Leben, erzählt dieser Film, ist ja immer die Familie.

Fabian May (DPA)

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Gifted» läuft in den Kinos Capitol und Maxx (Luzern), Gotthard (Zug).

Video: Begabt - Die Gleichung eines Lebens

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