Ruppiger Flirt nimmt ungeschöntes Ende

LUZERNER THEATER ⋅ Sie wollen raus aus dem Elend und wissen doch, dass sich an den Verhältnissen nichts ändern lässt. Regisseurin Nina Mattenklotz stemmt das Sozialdrama «Liliom» des ungarischen Autors und Journalisten Ferenc Molnar auf die Bühne.
14. Januar 2018, 08:15

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Der Karussellausrufer Liliom (Jakob Leo Stark) wirbelt seine Julie (Wiebke Kayser) im Rausch frischer Liebe wie ein Karussellpferd durch die Luft. Augenblicke später, man hat’s geahnt, liegt sie hingeschleudert am Boden. Und in Scherben wird später auch die Tasse liegen, die Julie ihm beim Beichten ihrer Schwangerschaft überreicht. Die fliegende Untertasse, dieser Traum von einer gemeinsamen Zukunft als Familie, zerschellt, bevor er realisiert werden kann. Liliom kann nicht anders. Er schlägt zu, wenn er Liebe fühlt. Er schlägt alle guten Vorschläge in den Wind. Weil er als sozial Benachteiligter auch mal Recht haben will. Und weil er sich wegen seiner Taten schämt.

Jakob Leo Stark macht am Luzerner Theater aus diesem Liliom einen abweisenden Brocken von Mann. Einer, der seiner Julie ins Gesicht greift, als sei sie ein Ding, und die Rührung in seinem Gesicht dabei doch nie ganz verkneifen kann. Ein ruppiger Flirt hat er da mit Schauspielerin Wiebke Kayser, die mit Bubikopf-Haarschnitt wie eine Seiltänzerin gedankenverloren barfuss über Stühle balanciert, als habe sie ihren Liliom mehr erträumt als wirklich gesehen.

Jede Rührseligkeit im Keim erstickt

«Es muss auch solche geben», sagt sie zu ihrer nach sozialem Aufstieg hungernden Freundin Marie – Stefanie Rösner im Blumenkleid und naivem Zweckoptimismus ist die Idealbesetzung für diese Rolle. Der Julie stellt sie ihren karrierehungrigen Wolf als künftigen Gatten vor («Also der Woolfi») und wirft berauscht mit Konfetti um sich.

Es war der legendäre Wiener Kaffeehausliterat und Meister der Kurzform Alfred Polgar (1873–1955), der das oft verfilmte und am Broadway gezeigte Sozialdrama «Liliom» des ungarischen Autors und Journalisten Ferenc Molnar (1878–1952) in so treffend knappe deutsche Sätze übertragen hat, die jede Rührseligkeit im Keim ersticken. Die ruppigen Dialoge drehen sich oft um die Frage «Muss ich?». Trotz ihrer Verneinung zwingen sich die Figuren in ihr Elend. Die sozialen Verhältnisse lassen ihnen keine Wahl.

In Luzern wiegen sie ihre Körper zu den melancholischen Akkordeonklängen von Luzian Jenny und blicken sich kaum an. Jeder suhlt sich in seinem Elend. Jeder reisst auf der Bühne unter dem Schriftzug «Gott ist gut» seinen eigenen persönlichen Triumph. Szenenwechsel gibt’s so gut wie keine, Glück und Elend, Liebe und Hass wechseln die Seiten so schnell, dass einem schwindlig wird wie auf einem sich zu schnell drehenden Karussell. Als der Gauner Ficsur – so grandios abgerissen und schelmisch, wie Christian Baus den gibt, schlägt man sich fast auf seine Seite – Liliom überredet, den Kassier der Lederfabrik (Adrian Furrer) zu überfallen, ist das Ende absehbar.

Wie ein Trichter hat die deutsche Regisseurin Nina Mattenklotz das Stück am Luzerner Theater gegen sein Ende hin noch weiter ausgedünnt. Ganze Dialoge wurden aus der Bühnenversion gestrichen. Das Verhör, das Liliom nach seinem Tod in einer Amtsstube erlebt, wird zu einem Zwiegespräch mit Gott. Mit dem irren Effekt, dass am Schluss die Essenz dieser Geschichte ungeschönt auf der Bühne vor uns liegt.

Hinweis

«Liliom» von Ferenc Molnar. Luzerner Theater, bis zum 7. April. Nächster Termin: Sa, 20. 1., 19.30 Uhr. www.luzernertheater.ch

Tickets für «Liliom»
Wir verlosen 2 x 2 Tickets für die Inszenierung «Liliom» am 20.1., 19.30 Uhr am Luzerner Theater.  Wählen Sie bis Montag, 24 Uhr, die Telefonnummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.50 pro Anruf) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt und informiert. Bis 19 Uhr an der Theaterkasse nicht abgeholte Tickets gehen wieder zurück in den freien Verkauf.  (jst)

 


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