Michael Fassbender und das harte Gesetz der Familie

FRAME-LESETIPP ⋅ Michael Fassbender ist dann am besten, wenn er kernige Typen aus der Unterschicht verkörpert. In Kriminaldrama «Das Gesetz der Familie» von Adam Smith ist er eine Wucht als Krimineller, der sich gegen seinen Vater und Clanchef stellt.
04. August 2017, 16:16

«Die Welt ist flach, wohin ich auch schaue. Der Weltraum interessiert mich nicht», sagt Colby Cutler (Brendan Gleeson). Der Patriarch pfeift auf Aristoteles und alle wissenschaftlichen Erkenntnisse. Für ihn ist die Welt so, wie Gott sie schuf: einfach, flach und überschaubar. Und gleich nach Gott kommt er selbst.

Colby ist das Oberhaupt eines Kleingaunerclans, der nach seinen eigenen Gesetzen und Regeln lebt. Zusammen mit seiner Sippe, seinem Sohn Chad (Michael Fassbender) und dessen Familie wohnt er in einem Trailerpark irgendwo auf dem Land im englischen Hertfordshire.

Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die in den Tag hinein lebt und sich holt, was sie braucht. Colby Cutler sieht sich als eine Art Robin Hood, der in einer korrupten Welt lebt und seine Leute losschickt, um reiche Bürger zu beklauen.

Das britische Krimidrama «Das Gesetz der Familie» (Originaltitel: «Trespass Against Us»), der erste Spielfilm von Adam Smith, beginnt mit einer furiosen Eingangssequenz, die das Motto von Colby gleich unter Beweis stellt: Die Familie Cutler rast mit einem Jeep hinter einem Hasen her, mitten durchs Kornfeld und über Stock und Stein. Auf dem Fahrersitz sitzt Chad, der seinen 6-jährigen Sohn Tyson das Lenkrad halten lässt.

Erwischen sie den Hasen, brät die Familie diesen später vor ihrem Wohnwagen. Es gilt das Gesetz des Stärkeren, es gibt keine Grenzen und vorgespurten Wege, was zählt, ist: Immer mit Vollgas voraus.

Keine Romantisierung

Doch auch wenn ihm das Leben als Kleinkrimineller oft Spass macht, überkommen Chad immer öfter Zweifel an seinem Tun. Er ist ein besonnenerer Typ als sein Vater und hat allmählich genug vom Lotterleben in der Illegalität. Vor allem möchte er, dass sein Sohn eine Zukunft hat und zur Schule gehen kann. Dieser soll kein Analphabet bleiben, wie er selbst einer ist.

Das führt zu Querelen mit seinem Vater, der Bildung unnütz findet. Als der Patriarch seinen Sohn dann auf eine gewagte Einbruchstour schickt und dieser dabei beinahe erwischt wird, will Chad definitiv aussteigen. Erst recht, als auch noch sein Sohn Tyson von der Polizei aufgegriffen wird.

Outlaws werden im Kino oft romantisiert. Aber Adam Smith wirft einen ungeschönten Blick auf ein Aussenseiterleben.

Im Zentrum von Adam Smith’ Krimidrama steht ein schwelender Vater-Sohn-Konflikt, der die Frage aufwirft, ob man besser als Teil der Gesellschaft aufwachsen sollte oder als Gesetzloser im Niemandsland.

Solche Outlaws werden im Kino oft romantisiert. Man lernt sie kennen als coole Kriminelle, die ihr Ding durchziehen wie in «Bonnie and Clyde» (1967) von Arthur Penn oder als sektenartig organisierte Verkaufstruppe aus auf der Strasse aufgelesenen Verlierern wie im Drama «American Honey» (2016) von Andrea Arnold.

Selten aber geht es um ihre tatsächliche Lebensweise, also darum, was in einem solchen Leben an Identität und Sicherheit verloren geht. Adam Smith wirft einen ungeschönten Blick auf ein Aussenseiterleben, er tut das mit einem stilsicheren Auge für das Anderssein.

Die Kamera von Eduard Grau setzt auf schräge Blickwinkel und rückt die Figuren auch einmal an den Rand. So lässt der Film den Zwist zwischen Vater und Sohn erahnen, als er die beiden nicht mehr zusammen im Bild zeigt.

Der Kameramann aus Barcelona hat unter anderem den reduzierten Look von Tom Fords Schwulendrama «A Single Man» (2009) und die klaustrophobische Sarg-Optik des Mystery-Thrillers «Buried» (2010) von Rodrigo Cortés geprägt.

In «Das Gesetz der Familie» kommt sein Flair für rhythmische Montage vor allem während der nächtlichen Streifzüge zum Zug. So endet ein Rammbocküberfall auf die Villa eines Lords in einer Verfolgungsjagd mit der Polizei, die von der Strasse weg auf eine Kuhweide führt.

Solche rasanten Fahrten über Stock und Stein ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film: ein Symbol für das ziellose und rastlose Leben der Cutlers.

Der Film ist dynamisch und à point geschnitten, ein Markenzeichen von Adam Smith, der vor seinem beachtlichen Spielfilmdebüt vor allem Episoden von TV-Serien wie «Dr. Who» inszeniert hat.

Ausserdem drehte er Werbeclips für Nike und mehrere Musikvideos. Etwa für das befreundete Big-Beats-Duo The Chemical Brothers, das mit einem wilden Mix aus Breakbeats, Hip-Hop und Gitarrenrock in den neunziger Jahren die Charts eroberte. Im Gegenzug hat die Band nun den Soundtrack beigesteuert. Es ist ein Teppich aus Electro-Beats, der dem Film zusätzlichen Drive verleiht.

Adam Smith baut zwar viel auditive und visuelle Spannung auf, die Story lässt allerdings etwas an dramatischer Dichte vermissen. Der Konflikt zwischen Vater und Sohn wird nie richtig ausgetragen, versandet in einem sentimentalen Ende.

Das liegt wohl auch an der unklaren Motivation von Chad, der zu entschlossen wirkt, als dass er nicht früher gegen seinen Vater hätte aufbegehren müssen. Auch bekommt neben den beiden kaum ein anderes Clanmitglied genügend Konturen, weshalb die Struktur der Gruppe nur vage gezeichnet ist.

Starke Schauspieler

Brendan Gleeson und Michael Fassbender machen dieses Defizit allerdings durch ihr exzellentes Spiel wieder wett. Die gebürtigen Iren liefern sich ein faszinierendes Generationenduell.

Gleeson, der schon immer zwischen Hollywood-Kisten wie «Gangs of New York» und kantigen britischen Filmen wie «Calvary» hin und her jonglierte, strahlt als Patriarch markige Präsenz aus, hat aber weniger zu tun als Fassbender. Dieser ist oft besser besetzt, wenn er dreckige Typen aus der Unterschicht verkörpert, wie jetzt Chad, als wenn er kühle Rollen spielt wie im Liebesdrama «The Light Between Oceans».

In «Das Gesetz der Familie» ist er als Vater zwischen den Welten das emotionale Zentrum eines Films, der von der Suche nach seinem Platz in der Welt handelt und der fragt, ob man es wagen soll, sich dabei auch gegen die eigene Tradition, den eigenen Vater zu stellen.

«Ist die Welt wirklich flach», fragt sein Sohn Tyson Chad am Ende. «Ich weiss es nicht», sagt Chad. «Aber erkunde die Welt und finde es für dich selbst heraus.»

Antonio Gattoni
kultur@luzernerzeitung.ch
 

Video: Das Gesetz der Familie - Trailer

Originaltitel: «Trespass Against Us». Drama (GB 2017) von Adam Smith. Kinostart: Donnerstag, 3. August 2017. (Tel-A-Vision, 18.07.2017)



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