Schräg temperierte Salonmusik

NEUES ALBUM ⋅ Nach 20 Auftritten im Neubad haben Klangcombi ebendort ihr aktuelles Album aufgenommen: Die Musik erfreut mit ihrer unbeschwerten Offenheit.
13. September 2017, 08:33

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

So leicht lässt sich das musikalische Wesen von Klangcombi nicht fassen. Wir hören ein Kammerensemble mit Perkussion, das sich von Neugier und Offenheit treiben lässt, ohne seine traditionellen Wurzeln zu opfern.

Volksmusikalische Anleihen mischen sich mit minimalistischen Patterns, Geräuscheffekten oder wohlklingenden Melodien. Als «Jazz» liessen sich einzelne solistische Höhenflüge («Schliifer») bezeichnen oder auch die Anteile von Improvisation, die sich in das Wirken dieser Band eingewoben haben.

Ursprünglich vom eigenwilligen Volksmusiker Noldi Alder ins Leben gerufen, hat Klangcombi in den letzten drei Jahren mit leicht erneuerter Besetzung und ohne Alder musikalisch neu ­Gestalt angenommen. Mag das appenzellisch Volksmusikalische als Seelenverwandtschaft hier und dort noch leise durchschimmern: Das Quintett hat seine Fühler in neue musikalische Felder ausgestreckt, ohne sich einem bestimmten Genre zu verschreiben. Sanfte klassische Elemente, Improvisation und das Klangspiel mit dem Raum haben einen Sound wachsen lassen, der sich aus der unterschiedlichen Herkunft der Musiker speist und einem «heimlifeiss» die Seele tupft.

Regelmässige Konzerte im Neubad

Um die Entwicklung der Band voranzutreiben, kam Cellist Nicola Romanò vor zwei Jahren mit der Idee, in einer gewissen Regelmässigkeit live zu spielen und das neue Material fortlaufend einem interessierten Publikum auszusetzen. So wie das etwa auch Nik Bärtsch – jeden Montag – in Zürich praktiziert. «Urs Emmenegger vom Neubad hat uns diese Chance gegeben. Nach fünf Konzerten, die monatlich stattfanden, konnten wir die Reihe fortsetzen.» Zum Konzept gehörte, jedes Mal eine Stunde zu spielen und mindestens ein neues Stück mitzubringen. Am Ende hatten Klangcombi 20 Auftritte im Neubad absolviert. Nach diesem Zyklus wurde diesen Sommer das Album – im Pool im Neubad – eingespielt.

Romanò, der unter anderem auch im Ensemble für Neue Musik Zürich mitspielt, spricht von «Begegnungen», um die Musik von Klangcombi zu charakterisieren. Begegnungen, die mal intimer, mal forscher, mal loser zu Stande kommen. «Manchmal bewegen sich die Musiker im Raum, das Klangverhalten verändert sich, das Raumempfinden beeinflusst die Musik. All das wollten wir auch durch eine stark reduzierte Mikrofonierung auf dem Album einfliessen lassen.»

Jedes Stück hat einen wieder etwas anderen Klangcharakter, so dass aus den 14 zumeist recht kurzen Tracks am Ende ein nahtlos verschränktes Konglomerat wird, in dem sich immer wieder neue Klang-Facetten herauskristallisieren.

Melodisch-gehaltvoll bis experimentierfreudig

Leichtfüssige Tanznummern wechseln sich ab mit melancholischen «Songs», Zäuerli-Ambient-Passagen oder experimentierfreudigen Einschüben. Auch innerhalb eines Tracks können sich diese musikalischen Parameter mischen. «babababab» ist ein eher wildes, folk-jazziges Stück, auf «karussell» bringen arhythmische Schläge die flotte Fahrt ins Wanken. «ewigkeit» klingt wie eine Reminiszenz an den Gründer Aldi Nolder, getragen von einer innigen Cello-Melodie. Auch «herr fröhlich» gräbt sich mit seiner Leichtigkeit und Wehmut tief ins Herz. Auf dem längsten Track «1974» bringen Klangcombi ihre stilistische Vielfalt und klangliche Offenheit musikalisch besonders bemerkenswert auf den Punkt.

Alle fünf Instrumentalisten – Judith Müller (Violine), Adrian Häusler (Violine/Viola), Nicola Romanò (Cello), Severin Barmettler (Bass) und Markus Lauterburg (Perkussion) – bekommen Gelegenheit, sich in Szene zu setzen und ihre Individualstimme im Ganzen spiegeln zu lassen. Die meisten der Kompositionen wurden nebst dem Kollektiv von Markus Lauterburg und Adrian Häusler eingebracht. «Jeder von uns hat seine ästhetischen Maximen. Es kommt nicht alles durch. Und wir lassen uns auch die Freiheit, zu sagen, dass wir dieses oder jenes nicht mehr spielen wollen.» Mit andern Worten: Klangcombi ist kein Inter­preten-Ensemble, sondern ein Work-in-Progress-Klangkörper, der sich mit einem ungefähren Ziel dem Ungewissen aussetzt.

«Uns schwebt vor, mit der Zeit ein immer höheres Mass an Freiheit zu erlangen, damit wir ohne Plan auf die Bühne gehen und jederzeit auf die Inputs oder neuen Ideen der einzelnen Musiker reagieren können», umreisst Romanò die Richtung. Dabei soll ihr eigener Groove nicht auf der Strecke bleiben. Auf diesem Weg sind Klangcombi mit ihren Neubad-Sessions ein starkes Stück weitergekommen.

Hinweis

Neubad, Freitag, 15. September, 20.30, Plattentaufe Klangcombi. Klangcombi: Neubad, CD/Vinyl, 2017. www.klangcombi.com


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